Ritter Lage schreibt: »Mancherlei Dinge sende ich in den grauen Alltag. Gitti, die Leuchtende, wird sie sich verklären und mir besonders über das eine nicht zürnen, das Ohm Matthias benamset ist. Er soll später ganz nach Holland übersiedeln … Vorläufig aber bitte ich die Samariterin, sich noch eine Weile seiner anzunehmen. Karge Kost, viel Arbeit und als Belohnung Sonntags ein Glas sauren Mosels. Also lautet mein Rezept für ihn. – Ferner kommt ein Riesenkoffer, von dem Ohm Matthias noch nichts ahnt. Er enthält eine vollständige Garderobe, die Base Gitti ihm je nach Bedarf verabreichen soll. Ohm Matthias ist immerhin ein Lage, und ich hoffe, daß der anständige äußere Mensch Einfluß auf den innern gewinnt. Halten Sie aber jeden Handelsjuden von ihm fern, denn unser Vetter neigt dazu, seine äußere, irdische Hülle in Alkohol umzusetzen. Das Dritte wird durch einen Vertrauensmann an Sie selbst abgegeben werden. Nicht jede ›Frawe von Lage‹ hat Freude daran gehabt. Denn es ist ein ›strenges‹ Geschenk. Tief ernste Steine sind es, und doch wird Ihr fröhliches Herz ihnen entgegenjubeln. Topase können nur reine Frauen tragen, anders geartete lehnen sie ab. Der Schmuck der Frawen von Lage hat 107 Jahre im Schranke eines alten Schlosses in Holland geruht. Ich weiß, daß Sie seine Schönheit ganz bewußt wieder auferstehen lassen werden. – Das vierte Päckchen … Gittibase …, du Lichtchen von Lage, das gebe ich dir selbst, oder grabe ihm im Lager Wald ein Grab. Der ist ohnehin ein rechter Friedhof für das Glück der Lages. Behüt’ dich Gott!

Clemens.«

Er gibt es mir selbst, oder …

Hinter dem »Oder« liegen die Kämpfe, liegt das Entsagen. Fast fürchte ich, ich bin dem Glück weit weniger gewachsen, als dem Leid. Dieses habe ich zur Genüge durchkostet, als die vier Augen sich für immer schlossen, die meine ›heilige Kindheit‹ behüteten. Jenes aber birgt für mich unfaßbare Möglichkeiten. Vor denen ich mich schier fürchte. Und die ich doch herbeirufen möchte, weil ich sonnenhungrig und voll Sehnsucht bin. –

32.

Pastor Oswald ist vorbildlich. Ich habe ihm heute wieder und wieder die Hand geschüttelt, sein junges, feines, herbes Weib stand strahlenden Blickes daneben. Er konnte seine Hochzeit innig froh begehen, denn er hat das gestrige Fest, das wohl zu einem Pranger für Förster Nordstamm werden konnte, durch Herzensgüte und Männlichkeit zu einem Ehrentag umgewandelt. In aller Herrgottsfrühe ist er gestern zum Schmied gegangen und hat ihm bedeutet, daß er seine liebe Kirche nicht dazu hergäbe, ein Komödienhaus zu sein. Denn er wüßte, daß die Weiber von drei Kirchspielen sich aufmachten, um Gese Tönnings in gesegneten Umständen zu sehen, dazu als Vater und Großvater die hochangesehenen Erbförster. Er gäbe also dem Schmied anheim, eine stille Trauung in seinem oder des Försters Hause stattfinden zu lassen, anders der Pfarrer die Trauung ablehne. – Wohl ist dem Schmied der Zorn hochgekommen, daß seine Strafe an der Tochter nicht zur Ausführung gelangen sollte, aber vielleicht gab er nach, weil er an die aufregungslüsternen Dorfweiber denken mußte, die nun unbefriedigt abziehen würden. So habe ich auch dieser Trauung beiwohnen können und hörte eine liebe, warme kurze Ansprache meines Bruders Oswald.

Und heute war seine eigene Hochzeit, die auch eine Überraschung bot. – Denn aus meinem Hause heraus holte sich der Pfarrer seine Braut. Die Korb-Sina hat eine Feinfühligkeit bewiesen, die wir ihr alle nicht zugetraut. Ganz heimlich, und doch wohlvorbereitet, hat sie Dorf und Haus verlassen, um kein Ärgernis zu geben. Dadurch ist die verachtete Frau eine Mahnung geworden für die selbstgerechte, vornehme Mutter des Pfarrers, die sich nicht überwinden konnte, mit der Korb-Sina an einem Tische zu sitzen, und deshalb in Hamburg blieb am Ehrentag des Sohnes. Wie seltsam das alles! Wie verworren die Ehrbegriffe in der Brust einer in Tradition versteinten Frau. So übernahm ich die Rolle der Brautmutter, ließ Maria Dörping in den grauen Alltag übersiedeln, um ihr das Erwachen im lichten Sonntag des jungen Eheglückes doppelt sonnig zu gestalten. Ohm Matthias war stellvertretender Brautvater. Ritter Lage hatte recht mit der Annahme, daß der äußere Mensch den inneren stark beeinflußt. Ohm Matthias war ganz Würde in den neuen Kleidern, und hätte er ein Vermögen zu vergeben, so würde er dies heute Maria Dörping und ihren zukünftigen Kindern vermacht haben. Auch um des schönen, dankbaren Lächelns willen, mit dem die eltern- und verwandtenlose Braut ihn empfing, um an seinem Arm in die Kirche zu schreiten. Wenn der Gotteshimmel draußen sonnig über diesem Hochzeitstag strahlte und in Marias Herzen seinen Abglanz fand, so sorgte der im Ruhestand lebende Pfarrer, welcher die Traurede übernommen hatte, dafür, daß sie beide durch Fegefeuer schritten. Der geharnischte Prediger erließ ihnen nichts. Er selbst muß Erschreckliches in seiner längst durch den Tod gelösten Ehe durchgemacht haben, sonst hätte er dem Paar nicht so erbarmungslos die möglichen Schrecken und Schatten ihrer Zukunft vorführen können. Über eine Stunde waren wir wirklich im grauen Alltag, und der Pastor unterließ es, das kleinste Lichtstümpfchen anzuzünden. –

»Hu«, schüttelte sich Ohm Matthias, als er aus der Kirche trat. Behauptete auch nachher kühn, der Trautext habe gelautet: »Heiraten ist gut, Nichtheiraten ist besser.« Aber ich habe den Spruch gut behalten und weiß, daß es die strenge Mahnung war: »Die Welt vergehet mit ihrer Lust, wer aber den Willen Gottes tut, der bleibet in Ewigkeit.«

Einige Tage später.

Heute weiß ich, daß wir alle vielleicht das Rechte taten, aber nicht das Richtige für den grauen Alltag, für das Dorf. Ich spüre auf Schritt und Tritt, daß ich an Vertrauen eingebüßt habe. Und bin zu der Erkenntnis gelangt, daß ich wohl verwickelten Gedankengängen gescheiter Menschen zu folgen vermag, daß ich aber der einfachen Selbstverständlichkeit meiner Bauern noch wie ein Kind gegenüberstehe. Wie sehr fehlt mir jetzt Ritter Lage. – Der Kluge würde wohl rechten Rat reden. Unschätzbar waren seine gelben Büttenpapiere. Und ich Törichte grub ihnen ein Grab im Lager Wald, anstatt die Worte lebendig neben mir zu lassen, auf daß ich nachschlagen konnte.