Hätte ich es wohl für möglich gehalten, daß das Dorf die Korb-Sina vermissen könne? Die man ihr ganzes Leben lang geschmäht und verlästert? Jetzt gebärden sich die Leute, als sei das Wertvollste verlorengegangen, und wir, der Pfarrer Oswald, seine Maria, ich und der graue Alltag seien die Schuldigen. – Das verlassene Haus der Korb-Sina ist immer von Neugierigen umlagert. Ich sehe dort täglich nach dem Rechten, denn die Eigentümerin wird und muß ja wiederkommen. Wenn ich mich nahe, weichen die Dörfler zurück und lassen mir freien Weg ins Haus, zu dem ich die Schlüssel habe. Sie grüßen widerwillig, ich merke es wohl, und es tut mir weh. –
Pastor Oswald sucht nach Marias Großmutter mit steter Emsigkeit, sie ist wie vom Erdboden verschluckt. – Ich selbst bin etwas ruhelos geworden, seit mir Klein Erika fehlt. Auf Pastor Oswalds Rat habe ich das Kind seinem Vater hingebracht und bekam strahlende Freude zum Lohn. Fand auch wirklich das Glück in der Erbförsterei. Gese Nordstamm, geborene Tönnings nimmt sich rührend des Kindes, wie auch des Großvaters an, der mit nimmermüder Sorgfalt beim Wiegenzimmern ist. Und leuchtende Farbtöpfe stehen bereit, um die Rosen und Tulipanen der älteren Wiege, darinnen Klein Erika ruht, noch zu übertreffen. Wenn das Kind geboren ist, hoffe ich, daß auch Schmied Tönnings das Forsthaus betreten und das gleiche seiner Frau erlauben wird. – Für diese sturren Trotzköpfe sind es nur leere Formeln, was die Kirche tut. In ihrem eigenen Innern haben sie sich Gesetze aufgerichtet, die sie bis zur Selbstvernichtung befolgen. Auch Schmied Tönnings ist mein Widersacher geworden, der mir nachträgt, daß Pastor Oswald ihn zwang, gut und verzeihend zu scheinen. Ich sitze ganz untenan auf unseres Herrgotts Schulbank und lerne.
Er möge erfüllen, daß einmal die Letzten die Ersten sein werden.
Baron Ellers hat sich erschossen. Auf der Grenze zwischen seinem Gut und dem Lager Wald hat man ihn gefunden. Ich hörte die Nachricht durch meinen Gärtner, und heute hat es mir Frau von Heidkamp in einem längeren Schreiben bestätigt. Ich darf mich mit dem Gedanken nicht aufhalten, daß mein ererbtes Geld diesen Leichtsinnigen vielleicht dem Leben erhalten hätte. Ich muß, bis ich fester in eigenen Erfahrungen wurzle, meines Vaters Leben und Gedanken als Richtschnur behalten, damit ich nicht fehlgehe: er, dessen Grundton verstehende und verzeihende Liebe war, verachtete die Spieler …
Herr und Frau von Heidkamp bitten mich, sie nicht nur als Nachbarn, sondern als Freunde zu betrachten.
Das will ich auch tun.
Diese beiden Lebenskameraden gehen recht Hand in Hand. Sie haben das Leid in mancher Form kennengelernt. Eine schöne, liebenswerte Tochter ist ihnen gestorben, ein leichtsinniger Sohn lebt, schafft ihnen Kümmernisse und läßt sie um das Bestehen ihres Gutes bangen. Wir wollen feste Tage ansetzen, an denen wir zusammenkommen. Für großen Verkehr fehlt mir jegliche Veranlagung und die Zeit. Auch ist mir mein Lebensplan ja vorgezeichnet …
»Das vierte Päckchen, Gitti, gebe ich dir entweder selbst, oder ich grabe ihm im Lager Wald ein Grab …«
Nun muß ich warten, worin das vierte Päckchen besteht.