Das war die einzige Sorge der verachteten Korb-Sina …
Wir standen Hand in Hand im Lager Wald, mich zog etwas zu der alten, wilden Frau, das ich nicht mit Namen nennen kann. Dann erzählte ich ihr von Marias Ehrentag, von unserm Suchen nach Korb-Sina selbst, und riet ihr, ruhig wieder ins Dorf zu ziehen, die Lager würden sie besser aufnehmen als selbst mich, ihre Patronin. »Die Lager?« rief die Alte verächtlich. »Die kenne ich. Die schreien heute ›Hosianna‹ und morgen ›Kreuzige‹. Die sind noch so, wie man vor tausend und mehr Jahren war. Nein, ich bin gut aufgehoben, und wenn die Baronin nur nachsehen will, daß man mir nichts stiehlt, oder das Haus anzündet, dann hab’ ich keine Not.«
»Wo steckst du, Sina?« fragte ich leise; denn wenn man diese Waldhexe ansah, konnte man nur ein böses Geheimnis hinter ihr vermuten. Aber sie erzählte ganz offen, daß sie am Tage ihrer Flucht nicht gewußt habe, wo sie ihr Haupt hinlegen solle. Nur der eine Gedanke habe sie umgetrieben, daß sie selbst ein Schandfleck auf Marias weißem Kleide sei, und daß es am besten wäre, wenn sie im Walde stürbe. Aber da habe sie plötzlich ein großer Hund aufgestöbert, und dem Hunde sei der Herr gefolgt, der »verrückte, lahme Holländer«.
»Warum nennst du ihn verrückt?« fragte ich zornig und rasch.
»Weil er’s ist«, sagte sie ruhig. – »Wenn jemand Schlösser und Häuser die Menge hat, dazu ein irrsinnig Weib seit 20 Jahren, und er vergräbt sich diese 20 Jahre in den grauen Alltag, um seinen blöden Sohn zu pflegen, dann ist er verrückt. Und sucht er keinen Umgang als die schrullige Jungfer Jesuliebe, Gott hab’ sie selig, dann ist er wiederum verrückt.« Sie lachte widerlich. »Früher, als ich noch jünger war, hätte er mich nicht mit der Feuerzange angerührt, aber dazu war ich ihm gut genug, sein Zimmer im grauen Alltag in Ordnung zu bringen. Die alte Eva durfte beileibe nicht merken, daß er da hauste. Hei, wie die mich verachtete, wenn sie mal ins Dorf kam! Und ahnte nicht, daß ich jeden Morgen durch den unterirdischen Gang ›in’t Lager Huus‹ schlüpfte. Und in der Horchbucht vernahm, was sie sich drinnen mit der Herrschaft erzählte.«
»Warum betreute ihn die alte Eva nicht selbst?« fragte ich befremdet.
»’s war ’ne Marotte vom Herrn Baron«, war die Antwort. »Die Eva ist gern mit dem alten Herrn Pfarrer zusammen, und dann läuft ihr der Mund und das Herz fort. Von mir aber wußte der Herr Baron, daß ich das verfemteste Weib im ganzen Dorf war und mit niemand zusammenkam. Und grad so was Heimliches, das hat mich immer gelockt«, schloß sie krächzend.
»Aber nun ist da doch nichts Heimliches mehr«, sagte ich ungeduldig.
»Nein, nicht viel mehr. Als die Baronin Jesuliebe starb und kurz darauf Baronin Brigitte einzogen, da war der Herr Baron unstet und zerfahren und fand, daß alles ein Unfug sei, und hat mich meines Dienstes entbunden. Von da ab gab er sich der Eva zu erkennen.« Sie lachte grell. »Ich wäre wohl überhaupt nie in sein Versteck gekommen, hätte er gewußt, daß ich vor dreißig und mehr Jahren durch den unterirdischen Gang zu seinem Vater schlüpfte … da trug Junker Clemens noch kurze Höschen …«
»Schweig!« rief ich außer mir.