Die Korb-Sina hob abwehrend ihre Hand. »›Schweig!‹ So schreit man einen bellenden Hund an. Vielleicht bin ich einer. Aber Sie, Baronin Brigitte, sind noch wie ein Kind. Und Sie kennen die Liebe nicht und wissen nicht, wie sie einen packen und unterkriegen kann, also daß man auf Ehre und Zucht vergißt. – Nur fleißig beten, Baronin Brigitte, daß der Geist willig bleibt und das Fleisch stark … Die Liebe kümmert’s nicht, ob sie einfährt in Vornehme oder Geringe, in Gebundene oder Freie …«
Wie eine Sibylle stand sie da.
Ich hielt eine Birke umklammert, und mir war’s, als schlüge mich die alte Frau.
Sie wendete ihr runenreiches Antlitz mir zu, aus dem die schwarzen Augen noch jugendlich funkelten. »Die Fräulein Baronin können mich auch nicht mehr niederdrücken oder beleidigen«, sagte sie ruhig. »Denn der aufrechte Herr Pastor Oswald ist mein Enkel geworden, und der Herr Baron von Lage hat meine Hand in seine genommen. Und hat mir gesagt, als ich ihm von meiner Flucht erzählte, daß meine Gesinnung ehrenhaft sei …«
Sie schritt durch den Wald, und es war, als sei ihr krummer Rücken mit einem Male geradegeworden. Und als gliche sie der aufrechten, herben Enkelin Maria. –
34.
Ich höre nichts vom Ritter Lage. – Jeden Morgen schaue ich nach dem Hause der Korb-Sina und nehme den Staub von den Möbeln des noch hochzeitlich aufgerüsteten Stübchens. Es ist, als ob ich damit den Staub vom Namen der Korb-Sina nähme. Zünd an, Brigitte! Immer mehr lerne ich das Wort verstehen. –
Ich denke nicht an Liebe, ich denke nur an Arbeit.
Und wenn mein Puls einmal rascher schlägt, dann ist’s das Wohl meiner Dörfler, was mich bewegt, ist’s die werktätige Nächstenliebe, die mich durchströmt. Die Dörfler meiden mich noch. –
Ich will und muß sie mir zurückerobern. Der Gedanke, daß ich irgendeine Pflicht verabsäumte, drückt mich sehr.