Ich aber will doch lieber den grauen Alltag auf dem Halse haben und frei sein, als das bessere Jenseits schon auf Erden besitzen und in Schußweite eine böse Schwiegermutter und ein mageres Weyb …
Im Dezember 1764.
So ’ne urkundlich verbriefte und versprochene Schreiberei über meines Lebens Läufte, die immerhin für Andere langstielig ist, bildet eine höxt unangenehme Beigabe für ’n alten Officier. Ist das Einzige, das ich dem großen Fritzen, meinem König und Herrn ungern nachmache. Hab mir deshalb auch das dünnste Büchlein herausgeholt aus all den Schweinsledernen, in welche die Lager Sippe ihre Bekenntnisse pflanzen soll. So hat es Joochen Lage, der Urahn bestimmt. – Hat gleich eine ganze Zunft, die der Buchbinder, in Nahrung gesetzt. Sind ehrenfeste Folianten drunter von der Dicke eines Meßbuches. Gott bewahr die Lages, daß das alte Haus mal ’n Schriftsteller gebiert. Und noch dreidoppelt die, so dann Alles lesen müssen, was der über die Lagen zusammenschmieret. Ich lob mir dies schlanke, dünne Formatlein.
Heut kam ein reitender Bote herüber von Holland. Der Vetter Clemens, gleichaltrig mit mir und verheiratet mit der Gräfin Frenswegen zeigt mir wieder die Geburt eines Sohnes an. Bittet um die Ehre meiner Patenschaft. Soll er haben. Ist aber von seiner Seit nicht viel Ehr zu holen und von meiner keine Freude. Wird wohl wieder ’n Kröpelbub sein, oder sonst was Schadhaftes. Das geht nun so durch Generationen. Aber keiner der Mynheers hat die Selbstzucht eigenem Glück Valet zu geben und einsam zu bleiben. Immer wieder wird geheiratet und noch dazu beide Augen zugedrückt bei der Wahl der Gattin. – Ich alter Kavallerist bin auf die Freite wie zum Pferdekauf gegangen. Habs nie bereut. Ein kerngesund Weib ist ’ne Gottesgabe. Da mußte der Herrgott bei mir schon mit Knüppeln dreinschlagen und die schwere Seuchen schicken, auf daß meine Herztraute überhaupt mal umwarf, und zum Liegen kam. Und nicht wieder aufstand … Hatten einen Sohn. Wie ein Apfelbaum war er, in voller Blust. Und rank und schlank, breitschultrig, groß, ein echter deutscher Lage. Zog mit mir ins Feld, fiel bei Kollin. Herrgott du weißt es, – bin seitdem noch nicht wieder ganz auf Du und Du mit Dir. Ob ich wohl noch vor meinem eigenen Ende den tieferen Sinn der Weisheit kennen lerne: »wen Gott lieb hat, den züchtigt Er?« Hab bis jetzt immer gedacht: Ei, so soll Er mich weniger lieb haben und Andere feste zwiebeln, die mehr auf dem Kerbholz führen, als ich. –
Bin nun ein einsamer Krabauter geworden.
Aber besser einsam, als ’n Drachen im Hause haben und des Teufels Großmutter noch als Dreingab, wie der Ellers. Und dreimal besser als ein elender Krüppel, der seinem Vater ewig lebendige Anklage darstellt, ist ein ranker, schlanker Bub tief in der Erde von Kollin.
»Kein seliger Tod ist in der Welt, Als wer vorm Feind erschlagen!« …
Brigitte schreibt:
Haus Lage, im Oktober.