Das Büchlein von dem alten Haudegen will mich gar nicht loslassen. Ich füge es jetzt in den ehrenfesten Folianten ein. Wie traurig klingt die Mär von den krüppelhaften Lages! In unserer deutschen Sippe ist kein Fehl, noch äußerer Tadel. Kraftvoll recken wir unsere Glieder jedem neuen Tage entgegen, und ich will jeden Morgen aufs neue dafür danken. –

Ich habe mich immer gescheut, das Gebrechen des Ritters Lage eingehender zu beschauen. Den verkürzten Arm, die kraftlose Hand, den schwer nachschleppenden Fuß …

Meinte immer, er müsse den Blick fühlen wie eine bohrende Nadel und mein frauenhaftes Mitleid wie eine Kränkung. Aber die Gebrechen bedeuteten mir nichts Schweres. Erst jenes Büchlein brachte mir schweres Nachsinnen, macht mich unfrei und schafft mir Wirrnis …

Doch meine ich, wo so viel starke Geistigkeit spricht, da ist die Hülle des Körpers nur ein Schatten, der ohnedies von seines Herzens Glanz durchleuchtet wird.

Ob dem Ritter Lage die Kette, die ihm mit dem irren Weib angeschmiedet war, nicht lastender dünkte, als der eigene körperliche Schaden? Aber vielleicht denkt darüber ein Mann anders, als ein Weib. Er will immer sieghaft dastehen. Die Frau will nur lieben. Liebt auch Gebrechen, Narben und Wunden … Meint gar, sie heilen zu können, was Jahrzehnten nicht gelang. Nur durch die Liebe, die nach den Worten des Heilandes Berge versetzt. –

Ei, Brigitte, wie würde Ritter Lage spotten, wenn er deine Philosophie lesen könnte! Wie würde es gelbe Büttenpapiere regnen! Oh, daß ich sie jetzt hätte! Oder erwarten könnte! Daß ich so gar nichts von ihm höre! –

Aber Eva weiß von ihm, – ich vermag jetzt auch von ihrem verschlossenen Antlitz zu lesen. Hie und da steht und geht sie sinnend und schaut mich an, lange und immer schweigend. Dann kommen Tage, wo sie im Hause rumort, unwirsch zu jedem ist und nur mich mit einer Weichheit behandelt, als täten mir alle übrigen das gebrannte Herzeleid an. Dann wieder strahlt jedes Runzelchen ihres alten Gesichtes, sie spricht mit sich selbst und stößt merkwürdige Töne aus, die halb Schluchzen, halb Lachen sind. Und dann flieht sie vor mir, wohl aus Angst, sie könnte in ihrer inneren Freude herausplaudern, was mir verborgen sein soll. Dieses Erratenmüssen ist für mich anregend und anstrengend zugleich, – oft kommt eine müde Traurigkeit über mich. –

Meine Spaziergänge in die Heide sind freudlos.

Die braunen Dolden atmen Schwermut. Die Wacholder stehen stachlig und herb als strenge Wächter am Heiderand, und die Ginsterbüsche sind kahle Sträuche, die ihre schmalen, mageren Ärmchen strecken, wie Kinder, die um Brot betteln.

Auch ich strecke meine Hände. Auch ich bin in Not. Meine Seele dürstet und hungert nach Sonne. Ritter Lage, hörst du mich?