Bin kaum zum Ausruhen, noch weniger zum Nachdenken gekommen. Denn die allerletzte Kate meines Dorfes beanspruchte mich völlig. Wohl hatte ich mir Hilfe genug mitgenommen, eine derbe Magd, die das kleine Haus unter Seifenwasser setzte, mit erstaunten Augen und glucksendem Lachen davon Kenntnis nahm, daß ihre vornehme Herrin auch grobe Arbeit tun konnte, und dann mit ihr, mit Kraft und Ausdauer, Frische und Fröhlichkeit, den Stall säuberte, daß die kranke Frau in ihrem Bett gar nicht wußte, wie ihr und ihrem armseligen Hausrat geschah. Hie und da steckte auch wohl eines der vielen Kinder, die währenddem in der Nachbarschaft untergebracht waren, seinen Wuschelkopf neugierig in die beginnende Ordnung, um ganz überwältigt wieder davonzustürzen, und abends lohnte es sich dann wohl der Mühe, die zwei aufgeräumten, sauberen Stuben zu sehen: die frisch überzogenen Betten, die leuchtenden, rosakattunenen Fenstervorhänge und den gescheuerten Tannentisch. Daherum saßen nun frisch gewaschene Mägdlein und Buben mit ihren sauber gekämmten Tollen und Zöpfchen und schrieben und lasen ihre Schularbeiten. Es war weder Vollmond noch Sternenhimmel über mir, als ich endlich in die Nacht hinaustrat, um nach Haus Lage zurückzukehren. Und doch war es seltsam klar in mir und um mich. War es der Glanz aus sieben Augenpaaren, der auf meinem Heimweg lag? – Als ich nach Hause kam, fand ich mancherlei Post vor, auch barg meine große Ledertasche Papiere, welche mir die kranke Frau des Trunkenboldes übergeben hatte, den man gestern zur letzten Ruhe getragen. Pfarrer Oswald hat die Vormundschaft der Kinder übernommen. So schickte ich denn Ludwig hinüber zum Pfarrhaus, um den Freund endlich einmal wieder in’t Lager Huus zu bitten. Das sollte ein lichtes Beratungsstündlein werden, und so dankbar bin ich jedem, der mich über das Bangen, das Heimweh, das Warten hinwegbringt durch frisch-fröhliche Arbeit, gutes Verstehen und einen herzlichen Händedruck.
Pastor Oswald folgte meinem Diener fast auf dem Fuße. Und wie er unter der grünen beschirmten Hängelampe saß, die mein Arbeitszimmer so traulich erhellt, erschrak ich vor der fahlen Blässe seines Gesichtes, vor dem Gram, der in seinen Augen lag.
»Um Gott, was ist mit Ihnen?« fragte ich rasch und nahm seine kalte Hand noch einmal in meine Rechte.
Er schien mit der Antwort zu ringen, dann kam es stockend von seinem Munde: »Ich habe die Sünde wider den heiligen Geist begangen. – Ich habe ein Weib genommen, um die heiße Liebe zu einer anderen zu bezwingen. Und kann sie nicht zwingen. Ich wollte groß sein und bin kleiner im Denken und Handeln als der Geringste meiner Pfarrkinder.« Er stand vor mir, als sei ich sein Beichtiger.
»Nicht doch, nicht doch«, rief ich laut. »Um Gott, was haben Sie mir da gesagt? Und ich war so ruhig, so froh all die Zeit gewesen!«
»Weil Sie mich loswaren«, sagte er bitter. »Auch Sie tragen ein wenig Schuld an meiner Not, Freiin Brigitte. Nicht weil Sie mich als Freier ablehnten, – das war Ihr gutes Recht, aber wie Sie es taten. Sie sind sehr rasch, Baronin, – sehr selbstsicher und selbstherrlich, trotz Ihrer Weltfremdheit und Kindlichkeit, die eine ganz neue Welt für mich bedeutete. Sie warteten gar nicht ab, ob ich selbst um Sie werben würde, Sie nahmen ganz einfach die Wünsche meiner alten Mutter schon als Werbung auf: Und wehrten sofort ungestüm ab, verletzten mein Ehrgefühl aufs schwerste …«
Ich fühlte, daß ich blaß und kalt wurde. »So hätten Sie gar nicht um mich geworben?« fragte ich tonlos.
»Nein«, entgegnete er fest. »Denn ich sah, daß Sie meiner starken, großen Neigung gar kein Verständnis entgegenbrachten. Zum Toggenburger eigne ich mich nicht. Aber zum Warten. Ich wäre Ihr Freund geblieben, hätte mit Ihnen Hand in Hand dem Dorfe das Beste gegeben, was wir geben konnten. Und vielleicht …«
»Nein, niemals …«, rief ich rasch.
Eine rote Lohe schoß ihm in das Antlitz. »Sehen Sie, wie ungestüm und doch irrgehend Sie in Ihrem Urteil sind«, sagte er verweisend. »Lassen mich nicht einmal ausreden. Ich wollte sagen, vielleicht hätte ich überwunden …«