Wieder wurde es still zwischen uns. Dann nahm Herr von ter Mählen meine beiden Hände und sah mir gütig, voll warmer Teilnahme, in die Augen. »Baronin, Sie kennen den Clemens, und er kennt Sie, Sie wohnen sich so nahe, er muß Ihren Bestrebungen das tiefste Interesse entgegenbringen, und – Sie verkörpern das, was sich der Jüngling geträumt, der Mann gesucht und nicht gefunden – – warum, warum stehen Sie nicht als Gattin an seiner Seite?«
Ungestüm war ich aufgesprungen. Zornig hatte ich ihn angesehen. »Und seine Frau?« fragte ich ganz vernichtet.
Ein tiefes Befremden malte sich auf dem Antlitz des Freundes. »Seine Frau? Hat er Ihnen nie von ihr erzählt? Sie ist tot seit über zehn Jahren. Ich hatte damals an ihn geschrieben, aber nie eine Antwort erhalten. Baronin, der Clemens hat uns, seinen Freunden, immer Rätsel aufgegeben, aber dies ist das am schwersten zu ratende. Warum mag er sich gegen Sie verschlossen haben? Just gegen Sie?«
Baron von ter Mählen sann vor sich hin. Er hatte meine Hände losgelassen, und öfters wiegte er den Kopf. Und wenn er mich dazwischen anblickte, so schien ihm danach das Rätsel immer schwieriger zu sein. Ich kann es nicht schildern, wie es in mir aussah nach der Enthüllung. Und wie es jetzt in mir aussieht und stürmt und jubelt und bangt. Meine Liebe frei von Sünde. Mein Begehren keine Schuld. Wenn er mir das vierte Päckchen reicht, dann darf ich es nehmen, ohne in Kampf und Not zu kommen. Ich brauche nicht auf eines anderen Leid mein Glück aufzubauen. Diese Gedanken gingen durch meine Seele, während ich inmitten der lachenden, plaudernden andern neben dem Freunde stand. Und ich muß wohl alles – ja selbst meine gute Kinderstube vergessen haben, denn der Baron sagte plötzlich eindringlich: »Sie sind aus den Fugen, Freiin Lage, mein Gott, habe ich an Schweres gerührt? Kommen Sie, ich rufe Frau von Heidkamp, damit sie Bescheid weiß, dann hebe ich Sie in mein Gefährt und fahre Sie rasch nach Lage. Nicht abwehren, ich meine es gut mit Ihnen.« Und so geschah es, daß ich bald daheim war und Herr von ter Mählen mich noch um die Erlaubnis bat, daß er bald wiederkommen dürfe. Wie gern gab ich sie ihm! Sein Freund, der Freund seiner Jugend, ist auch der meine. –
Aber das Grübeln nimmt kein Ende. Warum, warum? Warum kommt Ritter Lage nicht zu mir?
Wer hält sein Geschick und das meine in der Hand, wenn sein krankes Weib schon lange heimging?
Wer darf außer ihr uns namenloses Glück oder unfaßbares Leid bringen?
Im Dezember.
Wie still es im grauen Alltag ist! Rings lastet der Schnee auf der weiten Heide, der Kirchturmknopf trägt eine weiße Kappe, genau wie die grauen Mauerpfeiler an meiner Parkpforte und alle Knäufe und Buckel an Haus Lage. Märchenhaft die ganze Landschaft. Die Ruine schaut recht einem trutzigen Greise gleich. Weißes Haupt und morsche Glieder, aber Herz und Sinn noch stark. Die Ruine dräuet immer noch, trotz der zerstörten Mauern, ist aber gefestigt und steht stattlicher da, als Haus Lage selbst in seiner langgestreckten Behaglichkeit. Der weiße Schnee deckt alle Schäden zu bei beiden Burgen. – Seit vielen Tagen fällt er in kleinen, beharrlichen Flocken, ein leichter Frost begleitet ihn. Gestern klingelte ein Schlitten auf den Gutshof, die Heidkamper mit Baron von ter Mählen holten mich ab, um mir entfernte Heide- und Waldstrecken zu zeigen. Ich nahm, rasch entschlossen, Tante Fernande, die mir wirklich mit der Zeit eine treue Freundin wird, mit auf die frohe Fahrt. Baron von ter Mählen spielte den Kutscher. Er saß hinter uns auf der Pritsche und erzählte sehr lieb und frisch an uns eingemummelte Insassen hin. Hie und da flüsterte er auch eine ausgesuchte Bosheit in mein Ohr, er machte sich über Herrn von Heidkamp lustig, der durchaus selbst hatte fahren wollen. Tante Fernande kicherte währenddem unablässig, der Schnee machte sie trunken, sie kommt so wenig heraus. Einen vorzüglichen Weinpunsch bekamen wir in Campe, einen gleichwertigen starken Kaffee tranken wir dann in unserm Forsthause. –
Wir sahen dort ein Bild trautester Behaglichkeit. – Der alte knorrige Baum Förster Nordstamm mit der mütterlichen Schmiedsfrau auf dem großblumigen Sofa, der Schmied und der junge Förster ihnen zur Seite. Letzterer hielt auf dem Schoß die kleine Erika, die ihren goldenen Lockenkopf zärtlich an ihn geschmiegt hatte. Gese ging mütterlich zwischen ihnen einher und bereitete uns dann rasch in großer Zierlichkeit ein leckeres Vesperbrot und duftenden Mokka. Als wir wieder im Schlitten saßen, meinte Herr von Heidkamp sinnend: »Also mußte wirklich die kleine, wertvolle Frau Rika sterben, damit dies von uns eben geschaute Glück in den Wald und die Welt hinauswüchse?«