Und alle nahmen rasch das Thema auf und philosophierten darüber, bis sie sich ganz verstiegen hatten und festsaßen. Ich schwieg. – Mein Erleben hat mich befangen gemacht, und ich fürchte mich vor meinen eigenen Worten und Gedanken. Man neckte mich weidlich ob meiner Schweigsamkeit. Als wir dann in Lage ausstiegen, lud ich alle zu einem Plauderstündchen und späterem Imbiß ein, aber nur Frau von Heidkamp blieb bei mir. Die beiden Herren verabschiedeten sich, standen aber lachend und heischend auf demselben Platze, ohne den Schlitten wieder zu besteigen. – »Sie haben gar nichts zu fordern, Heidkamp«, rief Baron von ter Mählen. »Setzen Sie sich schleunigst hin; ich war der Kutscher und fordere ganz gehorsamst, aber unweigerlich mein Schlittenrecht.« – Tante Fernande kicherte wieder und schien ganz überwältigt, als der Baron ihre runzlige Wange mit seinem Schnurrbart berührte. Ich trat etwas zaghaft näher und sah dem lieben Freunde in die Augen. »Wie ein sterbendes Reh«, raunte er mir zu. »Das mache sich ein anderer zunutze.« Und er nahm mich bei beiden Händen, und wie ich so gehorsam den Kopf neigte, küßte er mich ganz zart auf die Stirn. Frau von Heidkamp aber reichte ihm fröhlich lachend den Mund und ließ sich mehrmals auch noch für Tante Fernande und mich mitküssen, bis Herr von Heidkamp Einhalt gebot und behauptete, er bekäme eiskalte Füße, wenn er nicht mittun dürfte. Da liefen wir lachend ins Haus, und das Schellengeklingel des abfahrenden Schlittens lachte mit uns.

Als wir dann am behaglichen Kaminfeuer zu zweien in den tiefen Sesseln saßen, nahm die Freundin, die soviel älter ist als ich, meine Hand. »Kleines, weißes Mähschäfchen«, sagte sie innig. Und ich erschrak, da sie die lieben Worte des Ritter Lage gebrauchte. »Warum küßten Sie den prächtigen, ritterlichen Menschen nicht?« fragte sie. »Man soll nicht Spielverderber sein.« –

»Ich habe das Küssen nie gelernt«, entgegnete ich ernsthaft.

»Was sind Sie für ein närrischer Kerl!« rief sie verblüfft. »So was lernt man doch nicht, oder meinen Sie, ich hätte ganz brave Lektionen bei irgend jemand genommen, bis ich es zu dieser Kunstfertigkeit gebracht?«

Ich nickte wie ein Pagode. »Ja, so sah es aus.«

»Du liebe Zeit, Sie sind wirklich hinterwäldlerischer, als ich dachte; und ich dachte schon viel«, meinte sie liebreich und streichelte mich. »Sehen Sie, Kleines, ›so was‹ kann man von Urbeginn, oder man lernt es nie. Das ist meine Ansicht. Ich habe es schon während meiner Schul- und Pensionszeit wacker ausgeübt, und es hat mir rasend viel Spaß gemacht. Aber wie ist das mit Ihnen? Ist niemals ein Mann zärtlich mit Ihnen gewesen?«

»Mein Vater,« entgegnete ich rasch, »er liebte mich so sehr.«

»Schön und gut, Kleines. Aber über Väter wollen wir an diesem entzückenden, heißen Kaminfeuerchen heute mal gar nicht reden.« Sie rückte ganz nah an mich heran und nahm meine Hände fest in die ihren. »Sie haben mir selbst gesagt, daß Sie schon 26 Jahre erlebt haben, kleine, liebe Brigitte,« sagte sie zärtlich, – »wie seltsam, daß Sie die Liebe noch nicht kennen … Ist Ihnen nun selbst nie der Wunsch rege geworden, daß Sie einmal jemand in die Arme nehmen möchte, so, so ganz innig – so bis zum Selbstvergessen, ein fremder Mann …?«

Da sagte ich ihr ganz rasch und ganz aufrichtig: »Nein, – nie! Ich habe wohl gewünscht, daß mir, da mein Vater von seiner Brigitt’ fortgegangen ist, – irgendein andrer lieber Mensch einmal sagen möchte: ›ich hab’ dich lieb, Gitti –‹, immer wieder, einen ganzen Tag lang, nur den einen Satz: ›ich hab’ dich lieb …‹, aber über das andere hab’ ich nie nachgedacht …«

»Seltsam, seltsam«, sagte Frau von Heidkamp, und ich war so froh, daß sie ernst blieb und mir aufs Wort glaubte. Und dann kam die alte Eva und brachte uns viele schöne Leckerbissen und alten, schweren Rotwein aus den reichbesetzten Kellern von Haus Lage. Und wir wurden sehr vergnügt. Als mein Diener Frau von Heidkamp dann in meinem schönen, bequemen Viktoriawagen verstaut hatte, um sie heimzufahren, beugte sie sich noch einmal zu mir herunter und raunte mir zu: »Ich darf es natürlich niemand verraten, daß die schöne Brigitt’ Lage noch nicht küssen kann, sonst will es sofort die ganze Nachbarschaft lehren, jawohl, mein lieber Mann an der Spitze … Gut’ Nacht, Mähschäfchen …« So verlief der seltsame Abend gestern, an dem ich zum ersten Male einer gütigen Freundin und Frau einen Einblick gab in mein einsames Herz. Das tat mir wohl, denn mir ist bang, daß die große Einsamkeit wunderlich macht. –