Lehnt eine Birke an dem Gattertor.

Ich steh’ am Weiher, dessen Spiegel blind

Und winterschwer bereift.

Eishändig greift

Das Heimweh nach dem bangen Menschenkind.

Du! ruft die Sehnsucht … Du! Komm her zu mir!

Ich gehe umher wie im Traum. Seltsam ist der Traum. Riesenkräfte wirken in mir, und doch bin ich von süßer Mattigkeit umfangen. Alle Menschen liebe ich und möchte ihnen das spendende, selbstlose Christkind sein. Zu Fuß bin ich gewandert über die verschneite Heide bis in das letzte Hüttchen meines Dorfes mit schwerem, fast meine Kräfte übersteigendem Gepäck. Helfen wollt’ ich, helfen! Und ich konnte helfen. Und konnte Frieden und Freude bringen in verzagte Herzen. Und gerade die letzte Hütte, darinnen die Witwe des verstorbenen Trunkenboldes ihr erdenschweres Dasein dahinlebt, brachte mir selbst den meisten Trost. Wie die Ärmste zum Leben erwacht! Wie ihre Kinder mit den neuen, warmen, reinen Kleidern neue Menschen angezogen haben. Alles war rein und warm und weihnachtlich bei ihnen, jedes Eckchen bereit, die heilige Weihnachtsfreude zu empfangen.

Wir sangen ein paar schöne Weihnachtslieder zusammen nach jenen uralten Melodien, die weitere Jahrhunderte hindurch jung und bejahend bleiben werden.

Dann kamen draußen Schritte, und der Schnee wurde an der Tür abgeklopft. Pastor Konrad Oswald trat zu uns herein, in Schnee gehüllt und beladen wie Knecht Ruprecht. Und die Kinder liefen auf ihn zu, Ludwig, Lisel, Fritz, Ada und Hilde, und die Kleinste nannte ihn jubelnd »Hans Muff«. Ganz zu Hause schien er bei ihnen, und ich sah, daß er niemals die arme Kate verabsäumt hatte. Weit öfters als ich war er dort gewesen und hatte aus reichem, geistigem und nicht minder greifbarem Erdenreichtum gesteuert und geholfen. Mitsammen wanderten wir dann am Nachmittage, da eben die Sonne sich zum Sinken anschickte, über die weiße, schneeige Heide. Und da sagte er mit erloschener Stimme: »Und nun geh’ ich fort. Ich reise schon heute mit Maria nach Berlin.« Da erschrak ich, denn ich weiß, daß mit ihm mich der treuste Bruder verläßt. Aber die Sprache seiner Augen ist zu eindringlich, ich muß ihn selbst gehen heißen. So gaben wir uns die Hand, und als ich in den Lager Forst einbog und noch einmal über die Heide schaute, die rot glühte im Strahle der Abendsonne, da stand er noch wie festgewurzelt, ein schwarzer, einsam ragender Baum in der öden Heide. Und sein Arm winkte mir ein letztes Lebewohl. –

Ich fürchtete mich nicht in meinem Lager Walde. Trotzdem es anfing zu dunkeln und immer finsterer wurde, je mehr ich mich dem Märchenwalde näherte.