»Wir können hier nicht im Schnee stehenbleiben, Gitti«, sagte er heiser. »Sonst bin ich morgen ganz invalide. Vergessen Sie nie, daß ich ein armer Schächer bin, nicht so voll Saft und Kraft wie die kleine, deutsche Lage. Nur Mitleid dürfen Sie nicht mit mir haben, von Gitti vertrage ich kein Mitleid.«

Ich folgte ihm in den Tempel.

Der Vorraum, der sonst die Pietà beherbergte, war warm und tiefbehaglich. Schwere Teppiche von einem satten Blau bedeckten den Fußboden, die Wände waren mit silbern schimmerndem Brokat bezogen, mattgedunkelte Gobelins erhöhten die Vornehmheit des Raumes. Nur eine Madonna della Sedia in ovalem, mattsilbernem Rahmen hing als einziges Bild in dem Rund. Im großen weißen Marmorkamin loderten Buchenscheite. Ich schaute in die Flammen. Er blieb an der Pforte stehen, – ich aber fühlte seine Blicke auf mir ruhen. Und diese Blicke sind Kraftquellen.

»Ehe ich Ihnen Schweres zu tragen gebe, Freiin Brigitte Lage, sage ich Ihnen, daß ich Sie liebe, wie ich noch nie eine Frau geliebt. Sie verkörpern mir das Höchste, das Schönste, das Beste. Ich, der fünfzigjährige Mann, habe um Sie mit einer Demut geworben, die mir sonst weltenfern ist. Unter Grobheit und bittrem Humor versteckte ich meine heiße Sehnsucht, Sie an meinem Herzen zu halten, Sie zur Liebe zu erwecken, diesen reinen, stolzen Mund zu küssen, bis er meine Küsse erwidere. Gitti, für jeden Blick aus deinen Augen, der mir galt, der mich suchte, für jedes gütige, kindliche Wort sollst du tausendmal gesegnet sein!«

»Sprich weiter, Ritter Lage«, sagte mein Herz, aber mein Mund blieb stumm. Man kann nicht reden, wenn das Glück so übermächtig hereinbricht, man kann nur beten für den, der es uns bringt. – Totenstille im Raum. Minutenlang.

Da wendete ich meinen Kopf von den Flammen fort und sah nach ihm hin. Sah, daß er in einen der tiefen Sessel gesunken war, daß der Stock auf dem Boden lag, sah sein weißes Gesicht, die blassen Lippen, den tiefen Schmerzenszug um den Mund, sah seine Augen, die mich auf den Platz zu bannen schienen, da ich stand.

»Ich bin so glücklich«, sagte ich nur leise. Aber dann lief ich doch zu ihm hin; es war ja zu unnatürlich, daß wir uns so ernst und traurig ansahen und doch wußten um unsere große Liebe.

Er stöhnte auf, als ich seine Hand ergriff. »Ist’s nicht erbärmlich,« stieß er zwischen den Zähnen hervor, »daß ich hier sitze und die kleine, feine Frau steht vor mir und muß mich trösten?«

»Ich verstehe vieles nicht«, sagte ich fest. »Ich kenne Ihren Kummer nicht. Wollen Sie ihn nicht mit mir teilen, Ritter Lage? Ich hab’ dich doch so lieb, Clemens, weißt du es denn nicht?«

Da sah er mich wieder an, und vor diesem Blicke erhob ich mich und ging langsam nach dem niedrigen, seidenen Diwan, der sich längs der Wände hinzog. Dort setzte ich mich hin, ganz still. –