Heilig war die Stunde. – Und so viel Gotteskraft gab sie mir, daß ich mich sacht aus seinen Armen lösen konnte. »Du!« sagte ich zitternd vor Scheu und vor Liebe, »du! Leb’ wohl! Hab’ Dank!« Und ich legte meine kühle Hand auf seine heißen Augen. Da schwieg sein Begehren; und der köstliche Zug des humorvollen Spottes, den ich so gern sehe, legte sich um seinen vornehmen Mund. –
Er nickte nach der Seite hin, als spräche er zu jemand anderem: »So echt die Gitti! Sie dankt mir für eine Stunde namenlosen Glückes, die sie mir schenkte …«
Er ging nach der Wand hin und drückte auf einen Elfenbeinknopf. Nicht lange, da stand die alte Eva auf der Schwelle einer verborgen sich öffnenden Tür. Und sie hielt einen hohen silbernen Leuchter mit brennender Kerze in der Hand. »Liebe Eva,« sagte Ritter Lage mit fester Stimme, »führe unsere junge Königin zurück in ihr Schloß.« Er entnahm ihrer Hand den schweren Leuchter und hielt ihn mit seiner kraftvollen Linken über meinem Haupte und folgte uns durch den schmalen unterirdischen Gang, den ich zum erstenmal betrat.
Der Schatten lief über die weißen Wände, – sein Schatten … An einer uralten Bronzetür mit wuchtigen Beschlägen endete der Gang.
Die alte Eva nestelte an umfangreichem Schlüsselbund und schloß auf.
»Leb’ wohl, Glück!« sagte leise seine dunkle Stimme hinter mir.
Da wendete ich mich und sah lange abschiednehmend in das liebste Antlitz auf der ganzen Welt. Und reichte ihm meine Hand, die er ehrfurchtsvoll an seine Lippen zog.
Dann blies mein Mund in die flackernde Kerze. – Und so löschte ich mit eigenem Willen das Licht aus, das mein Glück im grauen Alltag war. –
40.
An einem Sonntagmorgen.