Ein liebreicher Tag! Der war einst mein. Meine ganze Jugend war solch liebreicher Tag. Und dann jener heilige Christabend! Da seine Liebe mich weckte. Wie könnt’ ich sonst ganz in anderen aufgehen? Nächstenliebe üben? Opfer bringen, Christ sein, mich selbst verleugnen um der mühseligen Brüder und Schwestern willen? Mit seinem Bekenntnis hat er mich geadelt, hat mir Gesundheit, Kraft und Güte verliehen und sich selbst gut und gütig gezeigt. Denn Ritter Lage ist verschlossen. Er weiß, was für Aufgaben meiner harren. Er weiß, wieviel Sonne ich abgeben muß. So senkte er mit seinem Bekenntnis eine Fülle von Sonne in mich hinein, die sich niemals erschöpfen kann. – Aber vielleicht fühlte er auch erst, als er mich küßte, wie gut er mir war. »Du Scheue!« »Meine Königin!« hat er mich genannt. Und einmal strich es an meinem Ohr hin: »Liebste!« Kann eine Frau wohl je vergessen, wenn der einzige Mann, den sie im Herzen trägt, Liebste zu ihr sagt? – Nun bin ich Frau Liebe, Frau Treue, Frau Güte. Wenn ich mit umflortem Blick die Wunderwelt Gottes streife, die bereiften Bäume, die schneeglitzernde Heide, die Abendsonne über dem tiefdunkeln Weiher … dann rufe ich wohl zugleich:
»Ich sollte in Freuden vor euch stehen und meine Augen strahlen lassen: ihr seid so schön. – Habt Geduld! Ich will es wieder lernen, das heilige Lachen.« Und so sage ich auch den kranken Menschen, die nach meinen frohen Augen verlangen, weil sie meinen, diese zwei Sonnen ständen ihnen wohl zu, da sie doch von Gottes Sonne in ihrem Siechtum nichts sehen.
Du Ritter Lage! Das war deine Mission. Was ich jetzt tue an Heilkräftigem und Gutem, du hast es ausgelöst für immer durch dein Bekenntnis. Und wenn ein Segen von mir ausgehen wird, – du bist sein Urquell. – –
Montag.
Der liebe Freund war gestern bei mir. Leo von ter Mählen. Ritter Lage hatte ihn geschickt. Wie arbeitete es in seinem Antlitz, als er vor mir stand! Er hielt eine lange Weile wortlos meine Hände, und dann klang es nur: »Freiin Brigitte! Sie armes, tapferes Mädchen …«
»Wer tapfer ist, ist niemals arm«, entgegnete ich ihm leidlich fest. Dann saßen wir erst lange schweigend.
»Das hatte ich nicht vermutet«, sagte er endlich. »Das nicht. – Das reichste Glück hätte mir gerade eben getaugt für Clemens Lage. Diese düsteren, zwanzig Jahre, die hinter ihm liegen, hätten verklärt werden müssen durch ein Meer von Licht, das durch Sie zu ihm gekommen wäre, Freiin Brigitte. Könnt’ ich’s dem Clemens schaffen … was setzte ich nicht dafür ein? Glauben Sie mir, Brigitte?«
»Ich glaube es Ihnen. Und der Gedanke, daß Sie, sein bester und liebster Freund, in meiner Nähe bleiben, das macht meinen Weg so viel sonniger.«
»Sie sind bescheiden, Baronin. Aber daß Sie nur über mich zu befehlen brauchen, das soll Ihnen immer gegenwärtig sein. Ich will Ihnen die Hände unter die Füße breiten, genügt Ihnen das?«
»Es ist viel zu viel«, wandte ich ein. »Ich bin Ilexwege gewohnt, bin auch nicht wehleidig. – Hat Ihnen Clemens Lage erzählt, daß wir uns restlos ausgesprochen haben?«