»Menschen wie ihr können sich niemals restlos aussprechen«, meinte er ernst. »Ihr seid dazu geschaffen, ein ganzes Dasein lang euch immer neu zu sehen und zu erleben.«

»Immer neu zu sehen und zu erleben«, wiederholte ich. »Das habe ich mir ersehnt mein ganzes, junges Leben lang …« Und ich wehrte meinen Tränen nicht, die plötzlich hervorbrachen.

Da sprang Baron ter Mählen auf. »Nicht so, nicht so, teure Brigitte,« rief er, »ich kann Sie nicht leiden sehen …«

Er lief im Zimmer umher, wie ein Tiger im Käfig. Der Schmerz, zwei liebe Freunde im aussichtslosen Kampfe zu sehen, hob ihn aus dem Gleichgewicht.

»Haben Sie Clemens Trost gebracht?« fragte ich endlich leise.

»Meinen Sie, Baronin, daß solches Geschehen irgendeinen Trost in sich birgt? Oder daß unser Freund aufnahmefähig gewesen wäre? Überdies bedürfen Clemens und ich niemals vieler Worte. Ich sagte ihm nur: ›Es ist mir leid um dich, mein Bruder Jonathan.‹« – –

Ich wand meine Hände in bitterm Schmerz ineinander.

»Wäre es nicht besser gewesen, Brigitte, Ritter Lage hätte Sie unwissend gelassen? Er hat Sie aufgestört durch das Bekenntnis seiner Liebe …«

»Wagen Sie es, dies auszusprechen?« rief ich außer mir. »Hätte er geschwiegen, so hätte er einen Verschmachtenden ohne Wegzehrung auf eine Wüstenwanderung geschickt. Dessen ist ein Ritter nicht fähig. Oder bereut er jene Stunde im dorischen Tempel?«

»Sieh, sieh, was der Lagesche Jähzorn für Blüten treibt«, sagte Baron Leo beruhigend. »Clemens denkt genau wie Sie. Sogar das Wort ›Wegzehrung‹ gebrauchte er.«