»Ich segne jene Stunde«, sagte ich fest. »Und ich werde immer so mein Leben formen, als sei ich seine Gattin und hätte die Ehre seines Namens zu hüten.«

Ter Mählen sah mich erschrocken an. »Das ist ein vorschnelles Wort, das Sie sich geben, Brigitte Lage. Ihr Leben liegt noch unausgefüllt in langer Strecke vor Ihnen …«

»Es ist randvoll ausgefüllt!« rief ich. »Vom ersten Augenblicke an wußte ich, daß Ritter Lage mein Schicksal war. So lächerlich es Ihnen klingen mag, Baron, – die wunderlichen Berichte, die Clemens auf das dicke gelbe Büttenpapier schrieb, gaben mir all das, was Vaters früher Tod an meiner Erziehung zum Menschen übrigließ. Ich verdanke Ritter Lage mein Selbst.«

»Und Ihr Glück, Brigitte? Ihre volle Entfaltung? Ihre Erfüllung?«

»Ich bin nicht unglücklich«, wehrte ich ab. »Ich habe Clemens Lage reiner, fester und größer zu eigen, als ihn je ein Weib besitzen könnte. Aber meine Jugend und mein Begehren hat er mit sich genommen, die gab ich ihm als Geschenk in jener Stunde. Und er gab mir dafür sein Vertrauen …«

Baron von ter Mählen streckte mir beide Hände hin. »Sie haben sich das Größeste vorgenommen, Freiin Brigitte. Sie wollen aufgehen in andern. Doppelt schwer das Wagnis, weil Sie aus sich, und nur aus sich selbst Liebe schürfen wollen, ohne selbst erneut zu werden. Aber wenn ein Mensch auf Gottes Erde dies Wagnis unternehmen kann, so sind Sie es. Werden Sie mich rufen, Baronin, wenn Sie meiner bedürfen?«

Er stand auf, und ich gab ihm meine Hand, die er ehrerbietig küßte.

Ich bejahte seine Frage. Dann war er gegangen, und meine einsame Wanderung begann. – – –

41.

Die alte Eva kommt mir von Kräften. Freilich ist sie weit über die Siebenzig hinaus. Aber sie konnte doch noch huschen und schleppt sich jetzt am Stock. Den verbirgt sie vor mir. Wie töricht! Sie soll ein gutes Ausruhen und meine töchterliche Pflege in Haus Lage haben. Es ist mir ein lieber Gedanke, daß ich selbst älter werde bei diesem alten Inventar und … Nein. Wenn ich diesen Satz zu Ende schreibe, so klingt aus ihm müde Entsagung und Verzicht. Das soll nicht sein. Wenn ich untapfer an meine Mission herangehe, so kann Ritter Lage keine Freude an Gitti haben. Seinen Stolz auf mich, den will ich mir verdienen. Seit ich weiß, wie hoch er mich wertet, seitdem will ich diese Höhe erreichen … Auch nicht wegmüde und wund auf dem Gipfel niederfallen. Weiterschreiten. – Hie und da rückschauend rasten, aber nicht rosten.