In der Dämmerung.
Eben ging die alte Eva aus meinem Zimmer. Sie hatte lange bei mir gesessen, nachdem sie um mein Vertrauen gebeten. – Da hab’ ich es ihr geschenkt, der alten Dienerin des Hauses Lage, und habe sie dadurch zur Freundin emporgehoben. Viel Wirrnis hat außerdem diese Aussprache geklärt. Eva hat sehr unter unserm Mißtrauen gelitten. Ihre Berichte an den im Ruhestand lebenden Pfarrer waren gut gemeint und sind böse entstellt worden. Nun wird auch dieser Stein des Anstoßes weggeräumt, denn der alte Pfarrer verläßt Lage. Das ist gut für den jungen, und auch für das Dorf, und nicht zuletzt für mich, die Schutzherrin. –
Der Nachfolger Oswalds ist ein ruhiger Gelehrter. Kein Feuerkopf, wie ihn wohl Lage brauchen könnte, wenigstens die Jugend, die schon gleich am ersten Sonntag nach seiner Predigt Gesichter aufsteckte, die besagen sollten: »Der Mann tut uns nichts.«
Und seine Frau scheint kränklich zu sein. Immer etwas stöhnend und Klageweibchen. Pastoren und Lehrer sollten gesunde Frauen heiraten, – wer sollte es nicht? Aber es steckt ja auch viel Grausamkeit in dem Verlangen. Ich hatte mich darauf gefreut, mit der Pastorin die praktische Leibsorge auszuüben, während dem Pfarrherrn das Seelenheil der Dörfler verbleiben sollte. Damit ist es nun nichts. Zu allererst muß ich immer die Pfarrfrau betreuen, die mir immerhin ein gutes Vertrauen entgegenbringt. – Aber mehr als 365 Krankheiten erlaube ich ihr nicht. Heute hielt sie mich und sich auch mit viel Schreckhaftem auf, bis ich ihr den guten Rat gab, mich zu begleiten und über dem wirklichen Leid und der Not ihrer Pfarrkinder die eigenen Schwierigkeiten zu vergessen. Und nun haben die 3 Wanderstunden, die wir heute von Haus zu Haus unternahmen, hoffentlich Gutes ausgewirkt. – Die Pfarrfrau sah mit großen, erstaunten Augen auf all die Bresthaftigkeit ringsumher, sah auch leuchtende Augen über eingefallenen Wangen und hörte den dankerfüllten Bericht einer Mutter, daß sie nach monatelangem Wachen am Bett ihres kranken Kindes nun wieder ein Stündchen hätte ruhen können, weil es so herrlich vorwärtsginge. – Und sah dann auch den erbärmlichen kleinen Krüppel, um den diese Nächte durchwacht wurden. Das »Nichtsehen« und »Dochglauben« wird allen Menschen so schwer. Auch meiner Pfarrerin von Lage muß man mit Beweisen kommen. –
Die Sonntagmorgen sind mir meine liebsten Stunden. Wenn ich von meinen Samaritergängen zurückkehre, wie Ritter Lage meine Dorfbesuche nannte, dann kann ich nicht sofort in das Gleichgewicht kommen. Ich muß erst mit Bäumen, Sträuchern, Wiesen, Wald und Feldern Zwiesprache halten. Heute suchte ich meine Birke; ich rieb mir die Augen, weil ihr kraftvoller Stamm mir sonst immer schon von weitem leuchtete in seinem scharf umrissenen Schwarzweiß. Dann fand ich sie am Boden liegend. Mein Ausruf mag wohl wie ein Stöhnen geklungen haben, denn der Förster ging von den Holzfällern fort und trat mit der Entschuldigung zu mir heran: »Die Birke hatte den Wurm in sich.« Den Wurm in sich – mein Kleinod, mein prächtigster Baum …
Ich schaute auf den Gefällten nieder und dachte daran, daß hundert Frühlinge ihn in Liebe zum Licht emporgetragen hatten … Ein Wurm schlug ihn zu Boden und nichtige Menschenhand. – Der Förster sah befremdet nach mir hin, als ich antwort- und grußlos weiterschritt. Mir galt der Wald nichts mehr, da der eine Baum fehlte. Wie schwer wird meine Erziehung zum Verzicht sein! Vor wieviel Lücken soll ich noch stehen und tatlos warten, bis sie sich schließen, oder bis sich mein Empfinden vor ihnen verschließt?
Auf diesem ernsten Heimwege begegnete mir die Korb-Sina. Mir war sie wie ein Gruß, wie der winzige Teil eines Glückes, das verschollen war und vergessen sein sollte. Ich hätte sie mit beiden Händen festhalten und an mich ziehen mögen. Um leise eifrig an ihrem Ohr hin zu sprechen: »Wie geht es ihm? Wo weilt er? Betreust du ihn? Hängt mein Name noch in seinen Räumen? Spricht er von mir?«
Aber als ich hastig ihren Namen rief, sah sie mich mit bösen Augen an und stieß nur hervor: »Maria ist fort!« Da war ein Klang drin, erschütternder als der Fall der Birke. –
»Was soll das, Sina?« rief ich noch. –
Da war sie schon entwichen. –