Heute ist Silvester. So einsam habe ich es wohl noch nie erlebt. Daheim bei den Eltern pflegten wir aufzubleiben bei Kartenorakel und Bleigießen, und in der Neujahrsnacht wurden dann noch einmal die unvergeßlichen Weihnachtslieder unter der brennenden Thüringer Edeltanne gesungen, bis Licht um Lichtchen knisternd erlosch. – Und dann saß man still plaudernd noch ein Stündchen zusammen, und ich nahm goldene Vater- und Mutterworte in jedes neue Jahr mit hinüber und baute auf ihnen mein Leben weiter auf. Gesegneter Untergrund! Gesegnet Silvester! Heute bin ich allein. Tante Fernande ist zu Pastors gegangen. Sie hat im Spital eine Menge fröhlicher, lebenbejahender Altjahrsabendscherze kennengelernt, sogar Mummenschanz haben die verhutzelten Weiblein getrieben, und ich konnte Tante Fernande nur mit Mühe zurückhalten, als Knecht Ruprecht verkleidet ins Pfarrhaus zu stapfen. Ordentlich alt kam ich mir neben ihr vor, als sie kichernd mit ihrem Laternchen abzog, in ihrem Pompadour Kartenspiele und Scherze bergend, als Überraschung für das biedere, pfarrherrliche Paar.
Die alte Eva habe ich zu Bett geschickt, – mir selbst wollte ich die Novellen von Wilhelm Raabe auf meinen Schreibtisch legen …
Da lag schon etwas anderes …
Ritter Lage schreibt: »Mein heiliges Lichtchen soll am Silvesterabend nicht noch einsamer brennen, als es ohnehin leuchtet. Ich will bei ihm sein. Du! Du!
Leo ter Mählen hat mir erzählt. Hat mir ein Wort von Dir gesagt, wie es eben nur das Licht von Lage in seinem Herzen hegen kann: ›Ich will mein künftiges Leben so formen, als ob ich Ritter Lages Gattin sei und die Ehre seines Namens zu hüten hätte.‹ –
Und nun sage ich Dir, der ich immer tölpelhaft in Dein Leben eingriff, Dich mit bösen Worten kränkte, wo Du die Liebe selbst verkörpertest, und Dich schlug, wenn ich Dich hätte streicheln sollen, daß Du mich nicht so hart strafen darfst, Gitti. –
Nicht freveln darfst Du – nicht einsam bleiben.
Um Deiner selbst willen nicht, Du starkes, schönes, geliebtes Geschöpf. Das soll meine Strafe sein, daß ich Dich inmitten der Deinen sehen muß an der Seite eines kraftvollen Gatten, dem Du gesunde Kinder schenkst …
Gitti, um eines boshaften, siechen Mannes willen, der Deine Liebe hundertfach kränkte und verletzte; und der sie zum Schlusse nicht einmal annimmt aus Deinen reinen Händen … Gitti, – nicht um meinetwillen darfst Du verkümmern in Einsamkeit und Öde von Lage …