In meines Herzens stillster Kammer.
Sitz nieder! Sei mein Treugesellchen!
Wieder wurde mir heut ein Brief von Pastor Oswald gebracht, darin er klagt, daß ich schweige und sein erster Brief kein Echo fand. »Habe ich Sie verloren, teure, verehrte Freiin Brigitte?« fragt er. »Hat meine kopflose Fahnenflucht mich Ihre Freundschaft gekostet? Und ich wollte doch mit einer fast unmöglich großen Bitte zu Ihnen kommen. Wollte fragen, ob Sie und Lage mich wieder aufnehmen wollen als reuigen Sünder. Der nicht wußte, wie hart es ist, nicht im ›grauen Alltag‹ zu leben. Freiin Brigitte, meine Maria hat mir anvertraut, daß sie sich Mutter fühlt, und nun will ich, daß unser Kind in Lage geboren wird, daß es im Lager Wald, in Lager Luft atmen, spielen, schlafen soll, und dann wachsen, gedeihen, arbeiten unter Ihren Augen, Freiin Brigitte. – In Marias Blick trat ein eigenes, schönes Leuchten, als ich ihr davon sprach, – so fröhlich hat sie noch nie ausgesehen, seit sie mein Weib wurde. Eine herbe Anklage für mich. – – Wird die liebe, gütige Herrin von Lage, die wir nie aufgehört haben, unsere Schutzherrin zu nennen, nein sagen? Oder uns helfen, die Wege zu ebnen, die dem Treulosen die verlassene Kanzel wieder freigeben? Mein Leben lang will ich’s Ihnen danken. – Von Großmutter Sina hörten wir aus einem ihrer knappen Schreiben, daß es bergab mit ihr geht. Vor einem Vierteljahr erkrankte sie schwer. Aber das werden Sie, barmherzige Samariterin, besser wissen, als ich.« –
›Barmherzige Samariterin!‹
Wie ein Schlag traf mich dieses Wort. »Zünd an, Brigitte, zünd an«, hatte Muhme Jesuliebe mich ermahnt …
Und ich war nichts, als der Levit, der den unbarmherzig liegen ließ, der unter die Räuber gefallen war …
Erkenntnisse kamen mir unter den Augen der alten Ruine, inmitten der leuchtenden Sonne …
An einem Sonntage im Juni.
Heute durfte ich zum ersten Male ausgehen.
Müßig habe ich nicht gesessen während der Zeit der völligen Genesung, ich mußte »Wege ebnen«. Und es ist mir gelungen. – Nicht zu sagen, wie mich das freut. Zu Hilfe kam mir bei meinen Bemühungen die große Beliebtheit, deren sich Konrad Oswald erfreut. Jung und alt machten runde, frohe Augen, als ich ihnen die Möglichkeit in Aussicht stellte, den ehemaligen Seelsorger wieder nach Lage zu bekommen. Am frohsten war der »Neue«. »Haben Sie es denn geahnt, verehrte Baronin,« fragte er immer wieder, »geahnt, daß meine Eheliebste und ich uns von hier fortsehnten? Ach, und es nicht zu sagen vermochten …«