Ein aufgeweckter Mann war einst Peter Luersen. Ich selbst holte mir von ihm manchen Rat. Und die Insulaner wandten sich in verzwickten Angelegenheiten an ihn.
Er legte Mehdebücher an und half den Warfbohlsgenossen bei den Berechnungen, wobei er einen Mathematiker von Fach beschämen konnte. Er las gern gute Bücher. Meine zerlesenen habe ich alle an ihn abgegeben, und da war er nun wieder der geborene Buchbinder und legte die schönsten Deckel darum. Und nie kam er ohne ein paar Bücher vom Husumer Markt zurück, die er sich von einem »fliegenden Händler« erstand. Sein Gärtchen war mit das sauberste und schönste auf der Hallig. Sein Birnbaum trug am reichlichsten. Weil er immer Neues ausdachte, um die Frucht zu fördern.
Von all diesen Gaben ist nun nichts geblieben. Nichts als die Vaterliebe. Und von dieser nur die Erinnerung an seine Erstgeburt, seine Akke. Man könnte sich darüber vergrübeln, wenn das Leben nicht so viel Arbeit für uns hätte. –
Neulich versuchte ich bei Luersen wieder einige Gedanken zu wecken. Er war mir in seiner gesunden Zeit ein eifriger Mitarbeiter an meinem Buche. Brachte mir jedes Pflänzchen, von dem er glaubte, es sei noch nicht in mein Bereich gekommen, brachte mir seltsame Steinfunde, und stöberte wertvolle alte Halligaufzeichnungen auf. Ganz andächtig konnte er dann von Zeit zu Zeit in meinem Manuskript blättern und nachlesen. So gab ich es ihm auch neulich einmal wieder in die Hand. Preislich und dickleibig ist’s schon geworden. Es drängt dem Ende entgegen bei aller Fülle des Stoffes, der noch vorliegt. Aber Peter Luersen hielt das weiße Bündel kaum in der Hand, da fing er auch an es zu schaukeln:
»Slaap, slaap, min Zockerpopp,
Morgen früh weck ik di op.«
Alles dünkt ihm »Akke«. Das Kind Akke, das noch gut und rein war und dem Vater zulieb lebte. –
Wir sind nun schon weit im Februar drinnen. Haben auch schon oft wieder mit dem Wasser gekämpft, aber nicht so hart wie im letzten Herbst. Doch schaue ich jedesmal mit Bangen nach der Nordseite von Likamp. Hierhin öffnen sich die Mündungstrichter unserer Priele. Edlef hat mir gezeigt, wie die Natur selbst schützend eingreift. Ein zäher Lehm lagert dort, wo die Gefahr am größten lauert. An ihm findet die wühlende See hartnäckigen Widerstand. Aber für die Ewigkeit ist sein Lagern nicht berechnet. Edlef plant einen Steinschutzdamm mit Zuhilfenahme von Faschinen. Und bei der arg bedrängten Kirchwarf denkt er an Betonversenkung. Von Mal zu Mal raubt die salzen See bei Sturmflut etwas von der Landzunge zwischen Kirchpriel und freier See. Dem muß Einhalt geboten werden. Edlef verspricht sich viel von seinem Aufenthalt in Hamburg. Ihn hat schon immer die Regulierung der Unterelbe interessiert, nun ist er mitten drin im Studium des einschlägigen Materials. Das will er dann für die Sicherung und Eindeichung von Hallig Likamp verwenden.
Viele Insulaner stellen sich lau zu all den großzügigen Plänen. Das ist tief bedauerlich. Ich verliere leicht die Geduld so viel Kurzsichtigkeit gegenüber. So viel Gescheite und ernste Männer, denen unsere Hallig lieb ist, beschäftigen sich mit der Insel. Sie haben jedem Verständigen einleuchtende Grundsätze aufgestellt, auf denen wir unbedingt aufbauen müssen. – Ich versammle jetzt öfters die Halligleute im Schulhause und halte kleine Vorträge, berate sie auch nach bestem Wissen und Gewissen. Besonders die gerechte Lastenverteilung an Arbeit und Kosten ist schwer, aber auch hier haben Sachverständige die Wegweiser gestellt: »Wer den meisten Vorteil an der Landerhaltung hat, der hat auch am meisten zu leisten.« –
Edlef schreibt mir verhältnismäßig oft, weil er weiß, welch rege Anteilnahme ich seinen Plänen entgegenbringe, die alle das Wohl der Hallig im Auge haben.