Er war noch ganz verbast.

»Gut hab’ ich’s gemeint«, murmelte er heiser. »Ist ja schier eine Heilige, die Maren, deshalb glaubt der Schulmeister wohl selbst nicht, daß ich ihr könnt was Böses antun. Aber ich konnt’s nicht mit ansehen, daß die Maren, die junge Herrin vom Mutterhof, mit einer Binde vor den Augen herumlief. Jeder guckte sie bedauernd an. Ich hab’ schon die Gelbsucht gekriegt vor Ärger über die vielen Besucher in letzter Zeit, die sich doch früher nicht blicken ließen. Und immer liefen sie zuerst zur Wiege von der lüttjen Deern und beriefen das schöne Kind. Aber nur, um zu sehen, ob das Schandgerücht wahr sei. Ob das Lüttje am Ende doch die Holgersnäs hätt … Lehr mich eins, die schadenfrohen Wiwer kennen. Un da hab’ ich denn der Maren …«

Ich packte ihn bei den Schultern und schüttelte ihn:

»Ohm Rickert! Unglücksmensch!« schrie ich ihn an. »Was ich verhüten will, das tut Ihr so ohne Scheu? So alt und erfahren seid Ihr und wißt nicht, daß ein junges Weib an so was sterben kann?«

»Schulmeister, da irren Sie sich. Die Maren kenn ich gut. Die ist eine, die nicht geschont sein will. Die will allstunds der blutigsten Wahrheit und Gewißheit ins Gesicht sehen. Aber davon ist hier gar keine Rede. Wie ich nur so’n büschen angedeutet habe … so ganz verblümt … nur so in aller Liebe für meinen Augapfel Maren, da horchte sie schon scharf auf. Und wie ich so’n beten ins Tühnen komm, ganz sachtgen von Edlef un Akke und … dem lütt Soggerpöös, … da war ich auch schon draußen. Nicht, daß sie mich angerührt hätte, sie sprang nur auf, so rasch und zornig … nie hab’ ich sie so gesehn. Und zeigte nach der Tür. Nie, – und wenn ich hundert Jahr alt werde, nie werde ich den aufgehobenen Arm vergessen, der dem alten Mutterbruder Rickert die Tür wies.« Der alte Mann schluchzte. »Ich hab’ dann rasch mein Bündel gepackt, wußt ja zuerst rein nicht wohin. Da fielen Sie mir ein, Schulmeister. Aber die Maren, die hört ich gleichdrauf singen und mit Klein-Anni scherzen, – wie wenn nix wär.«

Ich drückte seine Hand, sprach kein Wort, sondern brachte ihn am hellerlichten Tage mit einem Teepunsch zu Bett. Und dann ging ich wieder in mein Arbeitszimmer und lachte, und atmete froh auf aus tiefstem Herzensgrund.

Du söte, du fixe Deern! Dem Verleumder deines Gatten die Tür zeigen und dann herzlich lachen. Das ist Lebensweisheit, deiner würdig, meine Marenschwester! –


In der hellen Frühlingsonne stand Manne Wögens vor seinem Schulhause. Es war erst sechs Uhr morgens, und er hielt seinen stillen Dankgottesdienst, wie er es alltäglich tat. Denn es gab täglich unendlich viel zu freuen, wie er in seinem dankbaren Herzen feststellte. Und so erzog er auch seine Nachbarn und alle Schulkinder und durch diese wieder die Eltern zur nimmermüden Dankbarkeit. Eine feste, unangefochtene Gesundheit hatte er durch den Halligwinter gebracht. Die gebrochene Hand war gut geheilt und ersparte ihm außerdem das Barometer, denn sie zeigte in rührender Beflissenheit an, wenn sich das Wetter ändern wollte. Sein Halligbuch gedieh ihm zur Herzensfreude. Er hatte das Glück gehabt, in Berlin einen Verleger zu finden, der sich für seine Arbeit interessierte. Er war persönlich bei ihm gewesen und hatte ein paar anregende Tage in der fleißigen, nimmer rastenden Großstadt verlebt. Nun schaffte er in großer Freude in dem Gedanken, daß sein Werk nach der Vollendung weiter in guten Händen sein werde.

Ohm Rickert weilte noch bei ihm. Der arbeitete unermüdlich in Hof und Garten und verdiente sich reichlich das Brot, das Manne Wögens ihm gab. Denn durch Ohm Rickerts Hilfe war der Lehrer entlastet und konnte sich nach den Unterrichtsstunden mit ganzer Hingabe seiner Arbeit widmen. Auch Peder Luersen war ihm durch Ohm Rickert abgenommen worden. Der Kranke hatte sich rasch an seinen neuen Pfleger gewöhnt.