Berlin / Leipzig
Deutsches Verlagshaus Bong & Co.
Alle Rechte, auch das der Übersetzung in andere Sprachen, vorbehalten
Copyright 1918 by Deutsches Verlagshaus Bong & Co., Berlin
Druck von Hallberg & Büchting (Inh.: L. A. Klepzig), Leipzig C 1
Printed in Germany
Meinem Manne zu eigen
Im Mutterhof auf Hallig Likamp brannte die grünbeschirmte Lampe. Heimelig war’s in dem großen Wohnpesel.
Der uralte, gewaltige, runde Tisch stand unter der Hängelampe, und um ihn herum saßen die schmucken, hohen Gestalten mit den blonden Friesenköpfen. Die Männer rauchten, die Frauen klöppelten, der zwölfjährige Onnen Holgers las vor:
»Also lautet die Sage von Heyens Lei: Tag für Tag und Nacht für Nacht wartete die treue Schwester am Fenster ihres Stübchens auf den verschollenen Bruder. Eine brennende Kerze stellte sie abends ins Fenster, damit der Bruder den Weg nicht fehle. Und die Kerze leuchtete hin über die salzen See. Derweil schlief der verschollene Bruder längst den ewigen Schlaf tief drunten im Meer.«
Onnen Holgers mußte mit dem Lesen innehalten, denn die 85jährige Großmutter Holgers wachte aus einem leichten Nickchen auf. Doch sogleich waren ihre Augen hell und scharf, wie die der Jüngeren ringsum. Auch von der Geschichte hatte sie nichts verloren. »Das Licht hab ich selber noch brennen sehen«, rief sie lebhaft. »Ein zehnjähriges Kind war ich damals und kreuzte mit Vater in seinem Fischerewer vor Heyens Lei. Und jedesmal, wenn wir dort zu Gange waren, rief der Vater: ›Sieh, mein Deern, die treue Schwester wacht.‹«
Der Zwölfjährige schloß mit lautem Klapp sein Buch. »Großmudder weet allens«, rief er fröhlich. »Großmudder, darf ich’s dem Lehrer erzählen, daß du alles selbst erlebt hast? Er freut sich, das kannst glauben.«
Die Ahne lachte behaglich. »Lehrer Manne Wögens weiß es lange. Der hat all seine Geschichten von mir. Er führt so’n Sprichwort: ›Wer klug werden will, gehe bei seiner Großmutter to Schol.‹ Du brauchst keinen Flunsch zu ziehen, Frau Tochter, es soll dich nicht herabsetzen.« Die Schwiegertochter der Ahne und Mutter all der jungen Friesen ringsum behielt ihr verdrossenes Gesicht.
»Manne Wögens hat immer so’n Schnack«, meinte sie unwillig. »Seine Schüler werden den Respekt vor Eltern und Lehrer verlieren.« Der Zwölfjährige wollte aufmucken, aber der Blick der Ahne bannte ihn. »Hol mir einen Krug Wasser aus der Zisterne«, gebot sie.