Und als der Junge den Pesel verlassen, meinte sie geruhig: »Der feine, lustige Schnack des Schulmeisters schädigt mein Tag nicht das 4. Gebot, wohl aber tut’s die Frau Tochter, wenn sie den Lehrer vor den jungen Ohren heruntermacht, ’s ist heute ja nicht das erstemal … Dabei sollte die ganze Hallig lobsingen, daß auf der Schulwarf ein ganzer Mann und ein kluger Mann das Regiment übernommen hat, – das ist meine Meinung.« Sie verstummte und nickte dem wieder eintretenden Knaben zu. »Gib mir das Glas, Lütten, und dann setz dich nieder und schau in dein Buch. Sag mir, ob noch mehr drin steht von Heyens Lei?«
Onnen Holgers blätterte. »Nicht viel, Großmudder. Das Licht war eines Tages tief herabgebrannt, und dann fand man die treue Schwester tot neben der erloschenen Kerze. Weiter steht nichts drin. Weißt du noch viel, Großmutter?«
»Bannig viel, Enkel Onnen. Zur Zeit der letzten schlimmen Sturmflut 1825 nahm der blanke Hans die Hallig Heyens Lei und begrub sie. Das andere Drum und Dran ist nichts für so’n Lütten. Da könnt dir das Gräsen ankommen. Wenn du groß und stark bist, will ich dir davon erzählen. – An unsern nordischen Geschichten ist nichts Zahmes dran. – Und was ich aus Kinderbüchern weiß, das hab ich euch all lang erzählt.«
Onnen Holgers reckte seine jungen Arme. »Groß und stark? Fühl meine Muskeln, Großmutter, erzähl mir von Heyens Lei!!! Auch wenn nix Zahmes dran ist.« Sie lachten alle, die um den Tisch saßen, nur seine Mutter sah ihn unwirsch an. »Kannst du das Quesen und Quälen nicht lassen?« »Lat em, Mudder,« meinte die sechzehnjährige Melenke; »es ist hart, immer aufs Großsein vertröstet zu werden. Gottlob, ich hab’s überstanden.« Sie dehnte wohlig ihren vollen, runden Körper und sang:
»So lang noch treue Liebe ein »Gott behüt dich« spricht,
So lang noch treue Liebe die Bonnestaven bricht,
So lang noch treue Liebe aufblühet jeden Mai,
So lange klingen die Glocken herauf von Heyens Lei.«
»Willst du denn noch fort, Edlef?« fragte die Ahne erstaunt in das Lied hinein einen andern Enkel, der jäh aufgesprungen war und nun in seiner überstattlichen Größe beinahe mit dem Blondschopf bis zur Decke reichte. »Laß doch das alberne Singen«, rief er der Schwester zu. Melenke aber wiederholte lachend: »So lang noch treue Liebe die Bonnestaven bricht … Nun, Edlef? Wer hat den Riesenstrauß Statize bekommen? Und da willst du keine Liebeslieder hören? Vor Tau und Tag bist du schon herumgestiegen, du Heimlicher.«
Edlef wandte sich zornig zur Tür und drückte sie auf. Er hörte noch, wie die Ahne verweisend sagte: »Du wirst mir zu wild, Melenke. Acht auf dich!«