»Hier wüllt se em henleggen,« stöhnte sie, »– hier. Un sin Vadder, de liggt in Husum unnern groten, witten Steen, mitten unner de Honneratschoren, un hedd sik doch sin Lebdag ni um Wiw und Kind kümmert. So is de Welt. So richt de Welt! O du min arm Peder! Min goden Jung!«
Beide Hände legte sie auf den kalten Boden, als wolle sie das verfemte Fleckchen Erde wärmen und segnen.
Grimmes Mitleid schüttelte Edlef Holgers. »Kommt, Mutter Claußen«, sagte er. »Up dit Flag verküllt Ji jug blot.« Er half ihr in die Höhe und nahm die Widerstrebende mit sich fort. Gute Worte sprach er zu ihr und erzählte von Peder Claußens Kinderjahren und Dummjungsstreichen und wurde beredt, wie er es niemals gewesen war. So ward der Weg zur Königswarf ganz kurz und zuletzt schier fröhlich. Denn immer neue, schöne Züge und gute Besonderheiten entdeckte Edlef an dem toten Schulkameraden, also daß seine Mutter die ätzenden Tränen trocknete und voll Trost in das öde Heim zurückkehrte. –
Am andern Morgen waren sie schon um acht Uhr bei Mutter Claußen versammelt. Keiner der Halligleute wußte recht, wie der Nachbar hingekommen war. Nur daß er selbst einer dringenden Botschaft folgte, war ihm klar. –
Die Frauen waren diesmal daheim geblieben, denn Neugierde ist keine Untugend der Halligbewohner. Nur Maren Wögens und Nomine Holgers standen Mutter Claußen zur Seite.
Die alte Frau weinte nicht. Sie hielt die zitternden Hände gefaltet und schaute geradeaus. – Nicht auf den Sarg, den man schon geschlossen hatte. Es war, als höre sie nicht auf das, was die Nachbarn an Trostworten ihr zuraunten, sie horchte auf irgend etwas, das von draußen kommen sollte, und in ihren bangen Augen standen Fragen, die einer herben Antwort gewärtig waren. – Die alte Kastenuhr tat nun schrille Schläge, und der Totengräber Hinrichsen ermunterte ein paar große starke Schuljungen, den Sarg mit ihm anzufassen. Da kam ein Ächzen aus Mutter Claußens Brust.
Und Maren Holgers legte ihren Arm schützend um sie. Aber gleich darauf stand die Wankende wieder aufrecht. Ihr Kopf wandte sich zur Tür, die gefalteten Hände lösten sich und streckten sich aus. Pastor Licht erschien in der Tür. An ihm vorbei drängte sich seine gute, kleine, geschäftige Frau. Sie tründelte zur trauernden Mutter hinüber und umfaßte sie, und grüßte rechts und links mit den hellen, gütigen Augen. Es war fast, als käme sie zu einem frohen Fest, und das war diese Stunde auch beinahe für sie.
Die Halligmänner sahen sich an. Wollte dieser Thüringer Pastor Neuerungen einführen? Und wollte er sie heute überrumpeln? Dafür waren sie nicht zu haben. Aber in der behenden Geschäftigkeit der Pastorin ging das Murren und Murmeln unter, das schon drohend aufgestanden war.
»Liebe Männer von unserer Hallig,« hub der Pastor an, und seine Stimme klang mild und fest zugleich, – »hier wartet ein Mitchrist, daß wir ihn zur ewigen Ruhe tragen. Viele von euch haben erwartet, daß ich in meiner Stube bleiben würde. Ich hätte es auch getan, denn ich wollte eine althergebrachte Sitte nicht umstoßen. Aber da wurde ich von jemand daran erinnert, daß außer dem Toten, der die Strafe ja nicht mehr fühlt, noch ein lebendiges Mutterherz neben dem Sarg sich quält. Das möchte wohl so stark sein, daß es den lieben Sohn ganz allein nach dem Friedhof trage, und so fromm ist es auch, daß es wohl den Segen tausendmal sprechen könnte. Aber das Mutterherz hat diese ganze Angelegenheit in eure Hände gelegt, ihr lieben Gemeindeglieder. Und so sage ich euch: ›Der Gottesacker dadraußen heißt Friedhof und nicht Striedhof.‹ Und zweitens: ›Richtet nicht, auf daß ihr nicht gerichtet werdet.‹ Und drittens: ›Wer sich rein fühlt von Schuld, der werfe den ersten Stein auf den Toten.‹ Ich werde jetzt hinausgehen und mich mit meinem Gott bereden und zurückgehen zur Kirchwarf. Beredet auch ihr euch untereinander und laßt Gott mit darein reden. Und schaut mir fleißig die Mutter an. Das soll mir ein Zeichen sein: Wenn ehrenfeste Halligleute mir den Toten getragen bringen, so will ich sie empfangen und Peder Claußen soll unter euern verstorbenen Lieben auf dem Friedhof ruhen. Hebt ihr ihn aber drunten auf den schmalen, kleinen Wagen und laßt ihn einzig vom Totengräber und seinen Gehilfen geleiten, so will ich der Überlieferung Rechnung tragen und still im Kämmerlein bleiben. Gott aber wird am Jüngsten Tage unsere Herzen wiegen und auch Peder Claußens Herz, der ein gehorsamer Sohn, ein guter Nachbar, ein fleißiger Halligbauer und ein treuer Freund war. Wehe uns dann, wenn unsere Herzen leichter befunden werden als das seine. – Gehabt euch wohl!«
Pastor Licht stellte sich noch einen Augenblick zu Mutter Claußen, die den Kopf tief geneigt hatte und strich ihr sacht über den grauen Scheitel.