Aber die Ahne hatte das »verliebte Getue« nicht leiden können, und hart gespottet, wie sich der Tetje gar nicht trennen konnte und immer wieder die Frauke küßte und strakte. Und wie hatte sie mit der Schwiegertochter gescholten, daß diese dem Gatten plötzlich nachgelaufen war und dicht vor dem Priel ihn eingeholt und auf der Fenne vor allen Leuten gehalst hatte.

In derselben Nacht stand der grause Sturm auf und … machte Frauke Holgers zur Witwe. Es kehrte niemand von den Bootsleuten zurück. Seitdem war Frauke das herbe, stille Weib, das einsam im Altenteil hauste. Ohne Kinder, ohne Enkel, ohne Freude. Es wurde der Ahne, die doch so fest an das »Gotteszeichen« glaubte, immer unbehaglich zu Sinn, wenn sie an das liebeleere Leben der Einsamen dachte, die doch so still und ohne Vorwürfe gegen andere ihren Leidensweg ging. Die Ahne mußte sich oft selbst bezwingen, daß sie nicht zu viel Hochachtung empfand vor der »Unfruchtbaren«. Und daß sie nicht ungerecht wurde gegen die Frau ihres Erstgeborenen, die doch zwölf Kinder hatte, von denen Edlef der Älteste war. Warum konnte nur die Ahne zu dieser Schwiegertochter so gar nicht in Fühlung kommen? Die doch die Überlieferung des Mutterhofes wahrhaft hochgehalten hatte. –

Wie oft hatte die Ahne schon im Herzensgrund gemeint, die Behaglichkeit und der Gottesfriede wohne allein im Altenteil bei Frauke Holgers, – doch sie hatte diese aufrührerischen Gedanken immer gewaltsam verscheucht. –

Aber gut war es trotzdem, daß die leuchtende Liebe wieder allen sichtbar über Mutterhofs Schwelle schritt. Der Enkel Edlef und die feine, schöne Maren mit den strahlenden Blauaugen. Das war wohl so recht ein Paar nach Gottes Herzen. Da sah eins nur das andere, und die Hallig hätte untergehen können, die beiden wären’s nicht gewahr worden. Da konnte man wohl beten, daß dieses Glück blieb. Daß zu dem vielen Licht nicht viel Schatten kam. Enkel Edlef artete nach dem Ahn. Und der war gut und nachsichtig gegen andere gewesen und mochte auch nur frohe Gesichter leiden. Aber für sich selbst wollt er doch immer ein Extragericht, und Gott sollte sich nach seinem Willen richten. – So hatte er scheinbar mit eigenem eisernen Willen sein Schicksal gemeistert. Und Edlef? Der setzte aus sorglos gutem Herzen die verfemte Verwandte in die alten Ehren ein, wie würde er aber wohl handeln, wenn ihm selbst Nachkommen versagt blieben??? Die Ahne mocht’ kaum dran denken. Holgersart konnte grausam sein.

Am dritten Feiertag des Weihnachtsfestes sollte die Hochzeit sein, und im Jungteil des Mutterhofes hatte man dem jungen Paar das Nest gebaut. Denn wenn auch Edlef Holgers nun Herr des Mutterhofes wurde, blieb doch nach alter Überlieferung seine Mutter die Herrin neben ihm so lange, bis auch Karen, das jüngste Kind, achtzehn Jahre wurde. Dann siedelten sie alle ins Altenteil, und Edlef würde fortan im Mutterhof wohnen.

Bis dahin hatte es aber noch gute Wege.

Die Ahne schaute mit hellen Augen auf das stolze Gewese. Der stattliche Mutterhof nahm die Mitte des Hofes ein. Daran schloß sich das große Altenteil, das sie selbst bewohnte. Links vom Mutterhof lag das kleine Altenteil, das von Frauke Holgers’ eigenem Gelde erbaut worden war und das innen und außen ein rechtes Schmuckkästchen darstellte. Dem gegenüber lag das »Jungteil«, das jetzt ganz neu für Edlef und Maren hergerichtet war.

»Mit Gott«, sprach die Ahne und ließ die Augen über die Reihe der blitzenden, kleinen Fenster gleiten, hinter denen die Brautkammer lag mit den blühweißen, hoch aufgeschichteten Betten. Die Ahne selbst hatte die schneeigen Spreidecken darüber gebreitet, und die »heilige Kammer« verschlossen, wie sie auf dem Mutterhof hieß. Erst um die sechste Nachmittagsstunde des Hochzeitstages, wenn die Kirchenglocke zur Vesper läutete, würde die Ahne mit großer Feierlichkeit dem jungen Hochzeiter den Schlüssel übergeben. –

Mit Gott!

In all ihren freudig-wehmütigen Gedanken sah sie jetzt den Herrn Pfarrer über die Fennen herankommen. Er nahm die Richtung nach dem Mutterhof. Die Stirn der Ahne umwölkte sich.