Sie verstand die Welt nicht mehr. Wenigstens das Neumodische nicht, das nicht einmal Halt vor der Kirche machte, sondern sogar Selbstmörder in geweihte Gräber legte unter Orgelspiel und Glockenklang. Und dazu gab sich Pastor Licht her, den sie bis jetzt immer als echten und rechten Hirten geachtet hatte. Aber freilich, es war ein Ausländer. So ein Thüringer mit solch wunderlicher Sprache mußte ja auch wunderliche Ansichten haben, die ganz und gar nicht auf die Hallig paßten. Die Ahne hatte auch dem Enkel noch nicht wieder die Hand gegeben, seit Edlefs Hände den Sarg des Selbstmörders aufgehoben hatten.

Und ihr Freund, der junge Schulmeister Manne Wögens? Nein, die Ahne verstand die Welt nicht mehr, und es war wohl »hohe Tid«, daß der Herrgott sie abrief. Aber erst einmal sollte »Hochtid« sein.

Pastor Licht schritt die Steinstufen zum Mutterhof heran. Schon von weitem hatte er einen Riesenschneemann leuchten sehen, und jetzt mußte er über den ungefügen Kerl lachen, der mit schwarzen Kohlenaugen und roten Ziegellippen grimmig dreinschaute und gar drohend einen festen Knüppel schwang. Einladend sah das Ganze nicht aus.

An der Steinmauer, die das Gewese einfriedigte, hörte er Kinderstimmen. Pastor Licht trat ein wenig zurück, denn nun sah er, daß Onnen und Karen etwas Wichtiges vorhatten.

Die Kinder drehten dem Besucher den Rücken, die kleine Karen hatte die hohe Friesenhaube der Mutter aufgesetzt und Onnen legte sich eine große, schwarze Schürze wie einen Talar um. Zwei Schneegruben hatten die Kinder gegraben, der große Spaten lag noch im Weg.

Die eine Grube war dicht an der Mauer, die andere unter dem prächtigen, weitverzweigten Birnbaum, der eine Zierde der obstarmen Hallig war. Karen stand vor dem Bruder. Auf ihren Armen ruhte eine längliche Schachtel und in dieser eine alte, sehr häßliche Puppe, die vielfach gekittet und geflickt, Spuren unheilbaren Leidens an sich trug. »Liebe Gemeinde«, predigte Onnen. »Ich sehe es dir ja an, daß du diesen elenden Selbstmörder unter dem schönen Birnbaum begraben willst. Aber das kann rein nicht angehen. Wer will wohl so’n Kerl zum Nachbar haben? Und der liebe Gott wird euch furchtbar böse werden. – Unterm Birnbaum da liegt ja Peter Witt, den sie immer den ›Dieb‹ nannten und Pieter Martje, der seine Frau prügelte, aber sie bedanken sich schönstens, – neben ’n Selbstmörder wollen sie auch nicht liegen. Also fort mit ihm ans Mäuerchen. Amen.«

Damit packte Onnen die Puppe und warf sie in das Mauergrab.

Kläglich schrie Karen auf.

»Fix, Karen, spring nach«, gebot Onnen. »Jetzt kommt doch erst das Schönste. Du bist doch die Mutter. Du wirst doch nicht leiden, daß sie dir dein Kind an die Mauer legen. Man zu, – jetzt begraben wir’s unterm Birnbaum …«

Karen hatte ihr Kind aus der Grube herausgerettet, aber nun schrie sie Zetermordio und weigerte sich, es einem neuen Begräbnis auszuliefern. »Nein, nein, Onnen, ich trag mein Kind in die warme Stube, dann wird’s wieder lebendig. Dann brauch ich’s gar nicht herzugeben.«