Dann war er allein. Verblüfft sah er ihnen nach. Aber der gute Humor behielt die Oberhand. »Sie meint’s gut«, rief er sich selbst zu. »O du meine feine Maren, wie wirst du erschrecken, wenn all das närrische, alte Halligtreiben über dich hereinbricht. Aber sollt ich der Ahne weh tun? Und der Mutter? Und auf meinem Kopf bestehen?«
Er stellte sein Buch in das schlichte braune Regal zurück, nicht ohne vorher liebevoll über die Seiten zu streichen.
»Du Großer! Wie hast du dich ducken müssen! Wie hat man dich geknechtet und gequält! Geschlagen und geschunden! Und doch bist du immer wieder zum harten Vater gekommen und hast um Verzeihung gebeten, weil du streng das vierte Gebot hieltest. ›Auf daß es dir wohl gehe …‹ Ja, du warst wahrlich ein Großer! Und als man deinen liebsten Freund vor deinen Augen erschoß – – selbst da bliebst du groß, einzig! Und auch der tote Freund hinterließ dir nur das Wort ›beuge dich!‹ – Und ich, – ich Kleiner, ich ›Wittenslicht‹ sollte aufbegehren?«
So philosophierte Edlef und philosophierte sich »bei klein« in seinen guten Anzug hinein, denn er mußte ja nun notwendig noch einmal zu Maren, um die neue Hochzeitsordnung mit ihr zu besprechen. –
Andern Tags in aller Frühe kamen die Hochzeitsbitter mit eilfertigen Riesenschritten zu den angesehensten Halligbauern gelaufen. Sie schwenkten ihre Stäbe und riefen vor der Haustür mit gellender Stimme: »Göh Dai! Göh Dai!« (Guten Tag, Guten Tag!) Dann öffneten sie selbst die Stubentür, und kaum verständlich schrien sie gleichzeitig ihre Einladung heraus: Edlef Holgers und sin Brud Maren Wögens leht Jam badde Datt am söh wohl dühn en kamme en Freidai en fuhn watt Deerds mä. Fahre wohl, kam fliitig tho öhs.[1]
[1] Edlef Holgers und seine Braut Manne Wögens lassen euch bitten, daß ihr so gütig seid und kommt auf den Freitag und nehmt das Mittagmahl mit ihnen. Gehabt euch wohl! Kommt fleißig zu uns!
Anm. der Verfasserin (nach Jensen.)
Ganz rasch entfernten sie sich wieder, nachdem sie den Dank der Eingeladenen zugerufen bekommen hatten. Auf der Schulwarf aber wurden sie mit einem Ehrenschuß begrüßt, was der eine mit einem zierlichen Tanz erwiderte. Denn Manne Wögens hatte viele Freunde unter den Eltern und Kindern, und man freute sich, daß seine feine Schwester auf den reichen Mutterhof kam. So tat die Nachbarschaft der Schule der Einladung alle Ehren an, die der alte Brauch heischte.
Maren saß etwas blaß im Wohnstübchen des Lehrerhauses. Der Bräutigam und seine Schwester Nomine waren ihre Frühstücksgäste, und Bruder Manne hatte eben um elf Uhr seine kleinen Studenten entlassen und konnte sich nun den Gästen widmen. Das gellende »Göh Dai, göh Dai« der Hochzeitsbitter drang auch ins Schulhaus und Maren fuhr zusammen.