»Weil deine Mutter Ausländerin war«, begütigte sie. »Das begreift und verzeiht so rasch kein Halligeingeborener. Ich hab’s am eigenen Leib erfahren. Und doch kommt’s der Hallig zugute, wenn wir fremdes Blut hereinbekommen … Aber ist das auch ein Gespräch am heiligen, frohen Hochtidmorgen? Vor allen Dingen wollt ich dich nicht allein lassen, mein Deern, wenn der Bräutigam dich suchen kommt. Es wird ein tüchtig Ringen abgeben, die Burschen von der Schulwarf halten bannig Widerstand. Sogar die großen Schüler von deinem Bruder haben sich zu den ›Junggastern‹ gesellt.«

»Der arme Edlef! Wie muß er mich sauer verdienen!«

»Das schadet nichts«, lachte Tanten Frauke, und Maren sah erstaunt, wie das verhärmte Gesicht der Einsamen sich in der Freude lieblich verklärte. »Kind, Kind, was hatten in früherer Zeit die Mannsen auf unserer Hallig auszustehen, ehe ihnen die Braut zugesprochen wurde. Das war so schlimm, daß einmal ein Brüjam noch vor der Kirchtür umgekehrt ist. Zerrungen und verprügelt kam er dort an und sollte nun noch über ein hochgespanntes Seil springen. ›Ne, dat is se mi nich wert‹, hat er gesagt, und ist heimgegangen. Freilich mußte er auch gleich sein Bündel schnüren und auswandern, sonst hätte man ihn gefemt.«

»Und die arme Braut?« fragte Maren teilnahmevoll.

»Kind, die nahm einen andern. Am selben Tag, ja zur selb’ Stund’ war ein Ersatz da. Ich bitt’ dich, Kind, – man will doch das Hochzeitsessen nicht umsonst gekocht haben.«

Maren wußte nicht, ob das Ernst oder Scherz oder Bitterkeit war. Tanten Frauke hatte den Kopf zur Erde geneigt und nähte am Saum des Hochzeitskleides ein paar Stiche. –

»Und sind sie glücklich geworden?« fragte Maren beklommen.

»Glücklich? Kind, Kind, nimm keine überspönigen Stadtbegriffe hier auf die Hallig mit. Sie haben ehrbar miteinander gelebt, das ist Glück. Sie haben viele Kinder geboren, so viele, daß die Eltern über dem Jüngsten den Ältesten aus den Augen verloren. Aber sie nennen es ›Glück‹. Was aber du und dein Edlef Glück nennt …«

Tanten Frauke schwieg, und ihre Lippen waren weiß, so fest schlossen sie sich aufeinander.

Nun hob sie den Brautkranz aus künstlichen Myrthen hoch, daran der zarte Schleier befestigt war. Schon etwas gelblich angehaucht schien das duftige Gebilde, denn von der Hochzeit der Mutter her lag es in wohlverwahrter Truhe. Aber die breite Kante ringsherum war feinste Nadelarbeit, und Tanten Frauke prüfte sie in ehrlicher Bewunderung. Ein helles Rot der Freude schoß in Marens zartes Gesicht. »Ich bringe ja dem Edlef so gar nichts mit,« gestand sie zagend, »aber dieser Schleier ist mit fünftausend Mark eingeschätzt worden, es ist mein Stolz …«