»Du Närrlein! Dein Thüringer Herz ist ebenso viele Millionen wert. Aber für die Ahne und besonders für Edlefs Mutter schadet es nichts, wenn ich die Tatsache im Mutterhof ein wenig verbreite.« Tanten Frauke stellte sich prüfend vor die Braut hin. »Schön bist du, Maren Wögens«, sagte sie laut und ehrlich. »Dein Edlef wird dich mit Jubel umfangen.« Und in tiefem Ernst setzte sie leise und dringlich hinzu: »Aber bete, Maren! Bete unablässig, daß Gott deinen Leib segnen möge. Der Mutterhof birgt zwei Dinge. Ein Himmelsdach für die alte geschnitzte Wiege in der Abseite eures Schlafpesels und – die Hölle für die Unfruchtbaren.«

Wie eine finstere Norne stand die Sprecherin da, ihre Augen sahen unheilvoll und vergrämt zugleich aus, und hatten doch eben noch mit bewundernder Liebe auf der Braut geruht. Maren faßte bebend ihre Hand.

»Edlef und ich haben uns unsäglich lieb«, sagte sie, als sei mit diesem Geständnis der ganze Zukunftshimmel wolkenlos geworden. Bitter lachte Tanten Frauke auf. Dann raunte sie, dicht an Marens Ohr geneigt: »Niemand konnt sich so über alles Verstehen lieb haben wie Tedje Holgers und ich. Lachend gingen wir zu Bett, und singend vor Tau und Tag an das Tagewerk. So viel Sonne hat noch nie auf die Hallig geschienen als in jenen Jahren. Und konnt mich doch verlassen, konnte die Hand gegen mich aufheben im zwölften Jahre unserer Ehe, als er sah, die Wiege würde für immer leer bleiben in unserer Kammer. Kind, Kind, – möcht’ es dir erspart bleiben, daß dein Herze ruft und schreit und hungert und dürstet nach Liebe und keine Antwort bekommt. Hölle! Hölle!« Tanten Frauke schwieg erschöpft. Dann hub sie wieder an: »Nicht daß er sich zu einer anderen gewendet hätte, o behüte Gott, das tut kein Holgers. Er wär’ auch sonst dem ›Rügenopfer‹ verfallen. Denn kein Land wahrt so streng das sechste Gebot wie die Hallig. Aber Herz und Leib hat er mir verfemt … Einmal, da schien’s, als kehrt er zu mir zurück, – aber da war’s der Ahne zu viel mit dem ›verliebten Getu‹, und sie holte ihn von mir fort, schickte ihn zur Nacht zur salzen See. Die nahm ihn und behielt mein Glück …«

Maren faßte erschüttert beide Hände der Erzählerin, die wie zerbrochen im Stuhl lehnte.

»Wie seltsam und grausam wird mir mein heiliger Tag bereitet«, dachte Maren. »Wenn doch mein Edlef käme, oder Bruder Manne!«

Da tönte verworren Geschrei von draußen herein, und gleichzeitig zeigte sich Manne Wögens’ ernst-frohes Gesicht im Stübchen. »Edlef kommt!« rief er. »Er hat uns überrumpelt, der Hochzeiter, – flink, Maren, flink auf den Oberboden. Ei der Tausend, wie bist du schön, Schwesterlein. Nimm fein den Schleier zusammen, daß er dir nicht zerreißt.«

Er schob Maren liebevoll drängend zur Tür hinaus und gewahrte in seiner geschäftigen Eile gar nicht die tiefe Erregung der Frau, die in der Stube saß und die sich jetzt erst zu fassen schien. Er begrüßte sie eilig, und zugleich schob sich hinter ihm eine wunderliche Gestalt herein. Ein alter, kümmerlicher und krummer Knecht war es, der hie und da Botengänge für den Schulmeister tat, wichtige Schriftstücke zum Pfarrer oder Gemeindevorsteher trug, im übrigen so um Gottes willen von Manne Wögens erhalten wurde. – In gewöhnlichen Zeitläuften ein über die Achseln angesehenes Häuflein Elend, gehörte er heute mit zu den Hauptpersonen, denn er mußte den ungeduldigen Bräutigam »aufhalten«, mußte ihm als »falsche Braut« verkleidet mit närrischen Worten bedeuten, daß er, der Knecht, die Auserwählte sei, und daß er gern bereit wäre zur Kirche und in die Kammer mit ihm zu wandern. –

Draußen auf der Warf flogen lustige und auch wilde Worte hin und her. Die ganze Freude, aber auch die ganze Derbheit der Friesen kam zum Ausdrucke in dem Jubel, daß endlich einmal wieder eine rechte Hallighochzeit zugange war.

Aber Edlefs Kraft und Gewandtheit kürzte sieghaft die ihm zugedachte Wartezeit ab, und vor dem Draufgängertum der »Haltjunkengänger«, die sich Edlef von den andern Warfen mitgebracht hatte, mußten die von der Schulwarf sich ergeben. – Lachend und erhitzt, leicht verlegen stand Edlef Holgers im Wohnpesel des Schulhauses. Er wehrte die »falsche Braut« mit heiterem Abscheu von sich fort, warf ihr ein Goldstück zu und lief mit Sturmschritten nach dem Oberboden.

Dort richtete sich die bräutliche Maren hinter der Urvätertruhe auf und stand recht wie ein liebliches Heiligenbild in all dem bunten Gerümpel ringsumher. Edlef Holgers zog seinen geschmückten Brauthut tief zur Erde.