Nach dem Liede saßen wieder alle schweigsam da. Nomine hatte ein Notizbuch herausgezogen und schrieb mit einem kleinen Bleistift hinein. Unauffällig schob sie den Zettel auf ein Tannenzweiglein und fuhr diesen kleinen Schlitten über das Tischtuch hinüber zu Manne Wögens. Er las:
»Geben Sie sich überwunden? Wir könnten hundertmal froher sein ohne diese Gebräuche und dies herkömmliche stumpfsinnige Schweigen.« –
Darauf kam umgehend seine Antwort: »Im Gegenteil, ich segne das Schweigen. Dabei kann ich Sie doch ansehen und finden, daß Sie heut ganz ungewöhnlich schön sind. Wahrhaftig, wie eine echte Halligtochter. Aber sobald Sie reden, dozieren Sie auch.«
Da knüllte sie den Zettel zornig zusammen.
Die junge Melenke hatte auch die Friesentracht angelegt. Wunderschön, sieghaft sah das Mädchen aus. Aber ihre Gebärden waren zügellos. Und in den Augen lag der Ausdruck eines gefangenen Wildes.
Manne Wögens blickte von einer Schwester zur anderen und schüttelte den Kopf.
Ohm Rickert, der neben ihm saß, folgte seinem Blick.
»Wie zwei Bilder sind die Deerns«, raunte er. »Schön alle beide, aber für verschiedene Gustos. Die eine stellt ’ne Heilige vor und die andere …«
»Pst«, mahnte der Lehrer.
»Ja, ihr werdet solange ›Pst‹ sagen, bis vor lauter Stillschweigen und Vertuschen der Dampfkessel explodiert ist. Dann habt ihr’s nötig, euch die Ohren zuzuhalten vor dem Knall. Die eine hat ’n ›Durst nach Wissenschaft‹, meint der Edlef. Nun gut, das is wohl nicht gemeingefährlich. Aber die Melenke mit ihrem Durst nach Leben …«