Vor dem lauschigen, verwachsenen Eingang zum Eichenborn, darinnen die Quelle murmelte, war die Kleine wohl manchmal mit ihrem Puppenwagen stehen geblieben und hatte in das tiefe Grün des Parkes hineingestaunt. Denn es erbte die Eigenart der Mutter, allüberall Melodien zu hören, und im Eichenborn schienen wundersüße Klänge in der Luft zu hängen. Aus der Quelle tönten sie, aus dem Gründickicht quollen sie hervor und dort unten, wo sich das silberne Band der wilden Gera schlängelte und das dunkle Gartenhaus stand, schienen sich die Weisen zu einer geheimnisvollen Symphonie zu verdichten. –
Schon oft wollte das kleine Persönchen all dieses näher ergründen, aber »Mutti« hatte es immer vor dem Eichenborn besonders eilig gehabt und das Kind rasch vorbeigeführt.
So lebte in der Kleinen das unbewußte Gefühl, daß der Eichenborn verbotenes Gebiet sei.
Wenn aber das Schicksal es gerade vor dem Eichenborn erlaubte, daß die Lieblingspuppe heftiges Nasenbluten bekam und abgewaschen werden mußte, dann konnte man natürlich ohne Bedenken hineingehen, und ebenso mußte es jedermann als berechtigt ansehen, daß man die Schwerleidende nach dem Abwaschen noch ein wenig in dem stillen Parke umherfuhr.
Also die kleine Diplomatin.
Sie schritt mit Trippelschrittchen den Melodien nach und machte mit erhobenem Zeigefinger ihre zwei Puppen auf die immer lauter werdenden Klänge aufmerksam. Vor dem Gartenhause hob sie unter Ächzen und Seufzen den schweren Puppenwagen über die Schwelle und schob ihn und sich selbst durch die Tür in die große, altväterisch möblierte Diele. Da saß ein steinaltes Mütterchen am Spinnrade.
»Um Verzeihung –« begann die Kleine mit tiefem Knix, »sind Sie vielleicht Frau Holle?«
Sie nannte sonst noch alle Menschen »du«, aber bei Personen aus dem Märchenlande mußte eine höfliche Ausnahme gemacht werden.
»Komm her zu mir,« rief ein verstaubtes, heiseres Stimmchen, aber die Kleine wehrte ab. »Danke, danke, ich muß rasch zu Mutti, aber vorher möchte ich ›das da‹ sehen.«
Ohne Zögern klinkte sie das Nebengemach auf, und »das da« stand vor ihr und starrte mit Schrecken und Entzücken in das liebe Kindergesicht.