Wunderschön war jedenfalls die junge Witwe, und um einen Blick aus den stahlblauen Augen zu erhaschen, ging, fuhr und ritt die Schwarzhausener Männlichkeit mit besonderer Vorliebe durch die Straße, wo sie wohnte, und der Verkehr in diesem Stadtteil hob sich, ohne daß Frau Liselotte selbst eine Ahnung hatte. Einige hochangesehene, ernsthafte Bewerber waren über die Schwelle des Windemuthhauses geschritten, aber die junge Frau zeigte keine Bereitwilligkeit, ihr eigenes Ansehen und ihre Ernsthaftigkeit zu teilen. –
So mußte man sich damit begnügen, manchmal beim Sonnenuntergang vor dem Zaun des parkartigen, dicht verwachsenen Gartens zu stehen und nach dem geöffneten Fenster des ersten Stockwerkes zu spähen, »bis die Liebliche sich zeigte«.
Aber sie zeigte sich nie.
Nur die wunderbar weiche Altstimme drang zu den Lauschenden, ein Klang wie aus anderen Welten: »Aus der Jugendzeit, aus der Jugendzeit klingt ein Lied mir immerdar – – –«
Das kleine sechsjährige Wesen, das man im Windemuthsgarten spielen sah, hatte den Unternehmungsgeist der Mutter geerbt. Es stieg über den Windemuthzaun in Nachbargärten und sprach mit den Inhabern wie ein alter Verstandskasten. Es lernte stundenweise ernsthaft sein Abc und teilte ein Herzchen voll Liebe mit Blumen, Vögeln, Puppen, Mutti und dem lieben Gott.
Stahlblaue Augen schauten aus rosigem Gesicht lachend und zeitweise wiederum ernsthaft prüfend. Flimmernde Goldlöckchen umrahmten eine feine Stirn und unter dem geraden Näschen plauderte ein nicht allzukleiner Mund mit Mausezähnchen und etlichen Zahnlücken. –
Die Puppen des quecksilbrigen Wesens liebten weite, gefährliche Spazierfahrten in der »Kajüte«, wie der uralte Puppenwagen genannt wurde; und manche hatte schon ihr Dasein eingebüßt bei den verwegenen Ausflügen und lag begraben im Garten. Etliche waren Krüppel für Lebenszeit und dadurch ganz besonders verhätschelte Lieblinge.
Frau Liselotte erlaubte ihrem Kinde Selbständigkeit.
Automobile und elektrische Bahnen gab es nicht in Schwarzhausen; kläffenden, knurrenden Hunden trat das kleine Mädchen furchtlos entgegen und der Begriff des Bösen und Schlechten ging ihm überhaupt ab, so daß es mürrische und garstige Leute einfach fragte: »Was fehlt dir?«