Der Fürst des Landes war durch Schwarzhausen gereist und hatte dem Städtchen dadurch ungeheure Kosten, Mühe und Aufregung bereitet. Und wenn wirklich, wie man sagt, der Grad der Kultur eines Volkes nach dem Verbrauch der Seife abgemessen wird, so stand Schwarzhausen durchaus auf der Höhe.
Aber der Fürst fuhr mit dem ernstesten Gesicht durch all die Reinlichkeit und Kultur, selbst der Anblick der jungen und alten Ehrenjungfrauen vermochte sein Antlitz nicht zu erhellen, trotzdem die alten schon seinen Vater und Großvater begrüßt hatten.
Ohne Aufenthalt begab er sich nach den Eikschen Fabriken, wo er alles auf das eingehendste besichtigte. Und der Abend fand den Landesherrn nicht auf dem Honoratiorenball in der Thüringertanne, wo verschiedene Hände und Knopflöcher bereit waren, Segen zu empfangen, sondern er fand ihn im Gartenhause des Parkes Eichenborn, und das Gesellschaftstempelchen sah zum erstenmal wieder fürstliche Gäste, wie in längst vergangenen Glanztagen.
Schwarzhausen hatte Ursache, wieder den Kopf zu schütteln. Denn der als streng moralisch bekannte Fürst machte auch der geheimnisvollen Liebsten des jungen Bertold seinen ehrenden Besuch, ja er nahm sogar das »Pfand der Liebe«, die Frucht des unerhörten, lichtscheuen Verhältnisses mit nach der Residenz, damit die musikalische Ausbildung durch berühmte Hände erfolge.
Die neue Schwarzhausener »Schmach«, welche Bertold Eik den sittenstrengen Mitbürgern angetan hatte, war ein vierzehnjähriger Knabe, der in Eichenborn vom Rektor Tüllen unterrichtet wurde, wie denn überhaupt Tüllen und Brennstoff auf Wunsch der Eiks sich dauernd in Eichenborn niederließen.
Der »Sohn« von Bertold Eik junior wurde Fritz Bach genannt, und trotzdem sich der Fürst zu der unerhörten Heimlichkeit hergab, die sich im Gartenhause des Eikschen Parkes abspielte, und trotzdem überall wachthabende Eichenborner Garde auf Posten gestellt war, hatte doch ein Schwarzhausener Schlingel Gelegenheit, sich in einem Tannenwipfel einzunisten; er erzählte dem atemlos lauschenden Städtchen, daß der Fürst neben »der« gesessen. Er habe ihr sogar eigenhändig einen Schemel gebracht. Bertold Eik junior habe Geige gespielt, worauf der Fürst ihn umarmt und geküßt habe. Das gleiche habe darauf plötzlich »Fritz Bach« getan und Bertold Eik habe darüber herzhaft gelacht, worauf der Fürst laut und deutlich gesagt habe: »Mein lieber Eik, auch ohne Ihr Geigenspiel, schon durch Ihr Lachen allein wären Sie der musikalischste Mensch unter der Sonne!«
Man konnte sich nur denken, daß der Fürst schon »alt« wurde und deshalb solche – (mit tiefem Bückling wurde es gesagt) – Ungereimtheiten vorbrachte. – Außerdem hatten sich Durchlaucht ja nie die Mühe gegeben, sich zu überzeugen, wie seine übrigen Landeskinder lachten, so z. B. ganz besonders laut die Tochter des Bürgermeisters, wenn sie keinen Heuschnupfen hatte.
Irgend einen Haken besaß natürlich die ganze Geschichte; denn trotzdem der Fürst öfters »unerhört gemütlich« zu den Eiks kam und Bertold Eik junior der Lieblingsgast des fürstlichen Residenzschlosses wurde, nannte sich noch niemand der Eiks »Kommerzienrat« und nicht die geringste Ordensdekoration wurde von ihnen getragen. –
Es war gut, daß das Schicksal dem Städtchen Ersatz gab und es an einem anderen Schwarzhauser Kinde Freude erleben ließ. Das war die Frau Liselotte von Windemuth, die nun als junge, ehrbare Witwe des Oberleutnants in ihr Vaterhaus eingezogen war. Daß die achtundzwanzigjährige Frau keinen Verkehr suchte, sondern nur der Erziehung ihres Töchterchens lebte, daß sie weder Kaffees, noch Abendgesellschaften mitmachte, sondern sich der Pflege der Musik hingab, war freilich nicht nachahmenswert, aber sie war ja ein Mensch und Fehler haben die alle. Die Schwarzhausener rechneten sich selbst nicht eigentlich in die Kategorie des homo sapiens Linné, sie waren eben etwas Besonderes, waren »Fürstlich Schwarzhausensch«.
Frau von Windemuth hätte wohl eigentlich bei ihrer Jugend noch nicht so allein leben sollen, aber sie war nicht zu bewegen, der verstorbenen Base Juliane eine würdige Nachfolgerin zu geben, und setzte allen Anzapfungen dieser Art ein Lächeln entgegen, von dem man nicht recht wußte, ob man es lieblich oder spöttisch nennen dürfe.