Das alte Fräulein Adelgunde von Eichen aber, das am liebsten das ganze Deutsche Reich umhäkelt hätte, zählte überhaupt nicht mit.
Armer, kleiner Bertold!
So sollte er wenigstens ein klein wenig den Zuspruch eines gebildeten Mannes genießen. –
Vielleicht hätte sich das Schicksal dem jungen Bertold ein bißchen gnädiger erweisen sollen; es wäre so gut gewesen, wenn Liselotte ihr feines musikalisches Gehör vom Vater geerbt hätte, anstatt von der früh heimgegangenen Mutter, die ihren Gatten nun nicht mehr darauf aufmerksam machen konnte, daß da in unmittelbarer Nähe ein Genie steckte. Infolgedessen bekam Bertold keinen weiteren Unterricht und hatte nichts als die beinahe vergötternde Zustimmung von Brennstoff und Teichmann, bei denen er noch allabendlich musizierte, ein gelegentliches Melden beim Großvater, der aber den Enkel so wenig als möglich zu sehen wünschte, ferner einen täglichen einstündigen Besuch bei Tante Adelgunde von Eik und ihrer sprichwörtlichen Häkelei und – seine Mutter.
Frau Franziska Malcroix war so jung, so schön und – so ernst. Sie lebte nur für ihren Bertold, – sie erhob sich des Morgens um vier Uhr und blieb, nachdem sie abends neun Uhr mit ihrem Knaben gebetet, noch ein Stündchen in dem neben Bertolds Schlafstube befindlichen Zimmer, wo sie arbeitete und schrieb und auf die regelmäßigen Atemzüge ihres Einzigen lauschte. An den Tag, der ihr den Knaben nehmen und in das Gymnasium nach E. führen würde, dachte sie mit Grauen. Jetzt gehörte er ihr noch, wenn sie auch mit leisem Schmerz fühlte, daß sie seine Liebe mit der kleinen Liselotte teilen müsse.
So handelte sie wie eine echte Mutter und nahm auch das Mädelchen noch an ihr Herz, – ja sie ließ die beiden kaum von sich, denn sie waren der sicherste Schutz gegen die Besuche ihres Vetters Baldamus. –
Franziska Malcroix hatte Angst vor ihm.
Sie konnte sich selbst nicht begreifen, denn sie war doch sonst so energisch und zielbewußt gewesen.
Sie hatte Angst vor Herrn Baldamus, wenn dieser auch ganz ruhig und scheinbar in ein interessantes Buch oder eine Zeitung vertieft in seinem Lehnstuhl saß, oder wenn er Bertold etwas erklärte, der seinen Wissensdurst stillte, wo immer er eine Quelle fand. Ja, sie hatte Angst, auch wenn er nur Bertolds Geige zur Hand nahm, – Angst, daß er das Instrument mit einem Griff seiner schmalen, weißen Hände zerbrechen könne. Sie hatte Angst, daß er irgendein Mittel besitzen oder ergreifen könne, sie zu zwingen, sein Weib zu werden.
Denn er war beinahe allmächtig in Schwarzhausen, das konnte sie täglich erfahren, und sie wäre wohl mit einem Male wieder angesehen in dem Städtchen gewesen, wenn sie plötzlich die Braut des hochmögenden Herrn Baldamus wurde.