Liselotte zog ihr nachdenkliches Gesichtchen. »Weiß nicht. Aber es ist am Ende einerlei. Bertold, ich hab’ Sorgen, Puppe Emmy kommt gar nicht aus dem Fieber raus. Weißt du, die Base versteht gar nichts von Kinderkrankheiten, sie meint, Fieber käme nur vom Kopf, und Puppe Emmy hätte keinen, und deshalb könnte sie auch kein Fieber haben, aber das ist ja Unsinn. Wenn die Base ’ne Mutter wär’, wie ich, und an die vierundzwanzig Kinder hätte, dann würde sie nicht so dumm reden. Was meinst du, Bertold?«

Der Knabe sah voll Ernst und Mitgefühl in das Gesichtchen der Spielgefährtin, das im Schmerz um die kranke Puppe einen ganz rührenden Ausdruck zeigte. Er hätte es um die Welt nicht vermocht, ihr einen wehtuenden Vortrag über kopflose Geschöpfe zu halten, trotzdem etwas in ihm sagte: »Sie ist doch ein furchtbar dummes kleines Mädchen.«

»Puppe Emmy ist schwer krank,« meinte er zögernd, »weißt du, Liselotte, wenn der Kopf fehlt, wirft sich alles aufs Innerliche – – –«

Sie nickte ernst und sah beruhigt aus. »Du hast recht, Bertold. Es wird eine Sägespänentzündung sein. Gott, was hat man für Sorgen mit seinen Kindern!«

Dann schritten sie wieder zum gemeinsamen Unterricht, und so vergingen die Tage und Wochen im gleichmäßigen Einerlei.

Aber doch nicht ganz.

Denn Bertold war die feierliche Erlaubnis zuteil geworden, in das Haus von Professor Windemuth zu kommen. Die Base war zwar noch immer von tiefem Mißtrauen gegen ihn erfüllt und überhaupt gegen alles, was von dem alten »Eik« abstammte, aber Liselotte war wenigstens beschäftigt, wenn sie mit dem Freunde zusammen war, und die Base konnte nichts Anstößiges entdecken, wenn sie einmal »revidierte«, was gewöhnlich in der Weise geschah, daß sie auf Filzpantoffeln zu der Kinderstube schlich und mit einem ganz plötzlichen Ruck die Tür aufriß.

Weder Bertold noch Liselotte waren nervös, sie guckten manchmal kaum von ihrem Spiel auf, während die Base doch gewohnt war, bei derartigen Überfällen, z. B. der Dienstboten, diese mit glühend roten, arg verlegenen Gesichtern verschiedenes verbergen und fortpacken zu sehen. So ließ sie jetzt tagelang die beiden unbehelligt. Noch lieber freilich war es dem Bertold, wenn er zu Professor Windemuth ins Arbeitszimmer durfte. Im Gegensatz zum Großvater war der Gelehrte nicht wortkarg oder mürrisch und ernst, sondern ein herzensheiterer, mitteilsamer Mann, der mehr als einmal einen lustig sprühenden Humor zu Hilfe nahm und mit ihm gegen Base Juliane zu Felde zog. Für alle kleinen Herzensnöte seines Töchterchens hatte Professor Windemuth offene Augen und Ohren, und daher kam es, daß Liselotte die längst verstorbene Mutter gar nicht vermißte, vielmehr noch nie darüber nachgedacht hatte, was ihrem Leben eigentlich mangelte. Der Vater ersetzte ihr alles und nahm sie auch gegen allzu heftige An- und Übergriffe der Base kraftvoll in Schutz.

Der Professor hatte längst erkannt, daß seine kleine wilde Hummel nur gewinnen könne, wenn Bertold ihr Spielkamerad bliebe, es hatte ihm imponiert, daß der Junge streng das einstmalige Verbot, das Haus zu betreten, innehielt. Von wem er wohl diesen festen Gehorsam hatte? Vom Großvater sicherlich nicht, der sich in seinem ganzen Leben noch niemandem gebeugt, und von der Mutter, die das vierte Gebot so wenig geachtet, daß sie bei Nacht und Nebel aus dem Hause entwich, um ihrem Liebsten zu folgen, doch sicher auch nicht.

Gewiß hielt der ehrenfeste Herr Baldamus von Eichen seine strenge Hand über den Knaben. Dieser Sproß des Hauses ging wenigstens seine geraden Bahnen, wie sie Schwarzhausen jedem seiner Bürger vorschrieb – – – sympathisch war er ja dem Professor nicht, aber das lag wohl mehr daran, daß Eik ein vollständiger Zahlenmensch war, während bei ihm, Professor Windemuth, das Herz öfter mal mit dem Verstande durchging. Vom weiblichen Einfluß hielt Professor Windemuth nicht viel. Seine eigene, früh verstorbene Gattin war ein hilfsbedürftiges Wesen ohne jede eigene Meinung gewesen, der Inbegriff aller zarten Weiblichkeit. Liselottes Geburt kostete ihr das Leben, und da ihre Nachfolgerin in Küche und Haus, Base Juliane, das genaue Gegenteil von ihr bildete, mürrisch, ungehobelt, lärmend, aber tüchtig und umsichtig schaltete, so nahm der Professor an, daß Frauenzimmer unberechenbare Geschöpfe seien, durchaus keine Logik und erwiesenermaßen anderthalb Lot Gehirn weniger besäßen.