in18171905
Judeninsges.
Einw.
in %
d. B.
Judenin %
d. B.
1) Fordon[12] 1290 1972 65,41816,5
2) Kempen[13]24064588 52,473911,5
3) Schwersenz10911974 55,52086,6
4) Cchodziesen9061706 51,53004,7
5) Zempelbg.11602304 50,739320,3
6) Wreschen12102414 50,13866,6
7) Märkisch Friedland 11512301 502009,4
8) Hohensalza17843804 46,9 11575
9) Grätz14552983 48,82504,4
10) Lissa36447934 46196??6,2
11) Filehne12312788 44,2378
12) Zülz10502433 43,380,3
13) Kurnick7741809 42,81084,3

Erst die Ziffern des Jahres 1920 werden die volle Umgruppierung der Juden ergeben, wie sie das Beispiel des Ortes Zülz angibt. Auch ohne die Abtretung der Posenschen Provinzen an Polen wäre das ursprünglich unerschöpfliche Reservoir der deutschen Juden zum Versiegen gekommen. Noch im Jahre 1880 finden wir 100 000 Juden in den drei Ostprovinzen. 1910 gerade die Hälfte, sodaß ihr Anteil rasch verkümmert ist. Zwischen 1900 und 1910 verminderte sich z. B. die Judenheit in

Kempen um 320 Juden
Lissa359
Krotoschin 200
Samter 50

So rasch löste sich die preußische Ostjudenheit auf. Ihre ehemals gesunde gewerbliche Struktur beschreibt N. M. Gelber an den westpreußischen Städten des XVIII. Jahrhunderts: „Durchschnittlich finden wir in den (s. Zeitschr. f. St. d. J. 9. Jahrg. Nr. 4) genannten Ortschaften 3-10 Brauereipächter, 2-6 Krämer, 1-10 Schneider, 1-3 Fleischer, 1-15 Kürschner, 1-4 Glaser, Barbiere usw. Es scheint, daß das jüdische Proletariat sehr stark vertreten war.”

Die Posener Kammer erfaßte Gewerbetreibende im Jahre 1797

jüdisch christlich
Schneider923676
Schlosser238638
Schankwirte und Brenner 811048
Barbiere47163
Musikanten26126
Bäcker51607

Ebenso stark waren die Juden unter den Goldschmieden, Buchbindern, Posamentieren, Mützenmachern, Knopfmachern und in anderen Gewerben vertreten. Der Einfluß der körperlichen Arbeit, das Leben in der kleinen Stadt und auf dem Dorfe brachte sie in persönlichen Konnex mit der Mutter Erde. Sowohl im Osten wie auch in Süddeutschland besaßen viele dörfische Juden Land. Mit der Abwanderung vom Land geht proportional ein Absinken der in der Landwirtschaft beschäftigten Juden vor sich. Die Verknüpfung der Juden mit dem Grund und Boden wurde gerade zu Beginn des XIX. Jahrhunderts stärker, als ihnen der Ankauf gesetzlich gestattet wurde. Häufig bestellten Handwerker und Händler, die mit Vieh, Pferden, Getreide und mit Waren einen Teil ihres Lebensunterhaltes sich erwarben, ihren Hof und ihr Feld und gewannen ihren Eigenbedarf, ihr Brot und die Kartoffeln, Milch und Eier sich selbst. —

Berechnungen haben ergeben, daß der deutsche Osten 1/4 Million Juden auswandern ließ, von denen wir ungefähr allein 100000 in Berlin wiederfinden. Die Politik Deutschlands ist oft ohne Verstand gemacht worden. Es wurde aber wenigstens Politik — wenn auch schlechte — gemacht. Die Judenpolitik fara da sé. Was kümmerte irgend einen Minister das jüdische Ostmarkenproblem. Mochte das gesunde Volksleben der Juden in der Ostmark ersterben, die deutschen Interessen dabei einen empfindlichen Schlag erleiden: Haß macht blind. — Für die Oeffentlichkeit und für die Gesamtheit der Juden selbst existierte keine jüdische Frage.

Vor vielen Jahren fand die Renegatin Fanny Lewald, die Vielgelesene, in ihrer Lebensgeschichte die beherzten Worte:

„In Frankreich und wohin die französische Herrschaft sich ausbreitete, waren die Juden emanzipiert. In Preussen lastete Unfreiheit und Verspottung auf ihnen. Es ist also natürlich, dass in jener Zeit sich in vielen Juden die Frage regte, ob Freiheit unter einem fremden Herrscher nicht der Knechtschaft unter einem heimischen Fürstenbauer vorzuziehen sei? Und es ist nach meiner Meinung nie genug gewürdigt worden, wie gross die Selbstverleugnung und die Vaterlandsliebe der Juden gewesen ist, welche sich im Jahre 1813 als Freiwillige den Kämpfen gegen Frankreich angeschlossen haben, um einem Lande seine Freiheit wieder erobern zu helfen, welches ihnen keine Freiheit, wohl aber Kränkungen und Beschränkungen aller Art dafür zum Lohne bot.”