[KAPITEL IV.]
DAS WANDERUNGSPROBLEM.

„Es ist klar, dass in dem beständigen Wechsel, dem die Judenschaft ausgesetzt war, nicht die behaglich bodenständigen, sondern die rastlos nomadialen Elemente diejenigen waren, die sich am widerstandsfähigsten erhielten, und darum überlebten.”

Werner Sombart.

Die deutsche Judenheit saß vor einem Jahrhundert in einer Unzahl kleiner, aber in sich geschlossener Judengemeinden des Elsaß, in Unterfranken, im Schwabenländchen und am gesegneten Rhein. Wir trafen Judendörfer in den drei Hessen; sporadisch finden wir jüdische Siedelungen in Thüringen, Westfalen, im Hannoverschen und insbesondere im Badischen. Die Stärke dieser Gemeinschaften trat zurück gegen die Bedeutung der Kolonien in der Ostmark, aus der immer wieder neue Ströme von jüdischen Menschen hervorbrachen, und seit Jahrhunderten die westlichen Gemeinden mit frischen jüdischen Impulsen versahen. Berlin, das zu Beginn des 19. Jahrhunderts 3000 Juden aufwies, maß sich mit Kempen, Lissa u. a. jüdischen Gemeinden. Die Assimilation in Berlin war solange von sekundärer Bedeutung, als es hundert andere große Gemeinden gab, in denen man von der Assimilation kaum den Namen kannte. Die Kleinstadt, in der die jüdische Bevölkerung dominierte, war für die Juden von dreierlei Bedeutung:

1. Sie bot eine gleichmäßige soziale Verteilung auf verschiedene Berufe.

2. Die Nähe der Natur und das einfache Leben brachten hygienisch bessere Verhältnisse mit als das aufreibende Milieu der Großstadt.

3. Vom jüdischen Gesichtspunkt. Hier entfaltete sich ein ausgesprochenes jüdisches Leben. Hier wurden die Sabbathe gehalten, die Feste bildeten den Kulminationspunkt des Jahres, die Lebenshaltung war eine selbstverständlich rituelle. Taufen, Mischehen waren ebensolche Unmöglichkeiten, als sie in der Großstadt Selbstverständlichkeiten geworden sind.

Wie stark die Judenheit im Osten an kleinen Orten gewesen ist, läßt ein Vergleich beobachten. Es waren