Eine reichliche Literatur hat sich bemüht, das Problem des Geburtenrückgangs zu erklären. Es ist unmöglich, die Ursachen des Geburtenrückgangs mit einer Formel zu erfassen. Eine Reihe von Komponenten wirken am Werke. Mühen der Schwangerschaft, Gefahren der Entbindung spielen im Unterbewußtsein der Frauen eine Rolle. Liebe zum Kinde, Angst vor der Abtreibung, religiöse Vorstellungen und nationales Denken würden gleichwohl der Natur freien Lauf lassen, wenn die Sorge für den gepflegten Leib, für die Taille und die Unannehmlichkeit der neun Monate der Empfängnis und des Stillens die einzigen Widerstände wären. Am stärksten aber hemmen die Emanationen der wirtschaftlichen Schädigungen. Wer wie der Jude mit seinen Kindern höher hinaus will, der beschränkt leicht deren Schar, wenn er oder seine Frau nicht selbst auf viele Annehmlichkeiten des Lebens verzichten will. Und mit dem Erwachen der Lust für die Annehmlichkeiten des Lebens hört die restlose Opferung der Eltern für die Kinder auf. Ich habe in dem Werke das „Sterile Berlin” (Berlin 1912) nachgewiesen, wie sich die Ausgaben für die Kinder deutlich bemerkbar machen. Eine große Familie bringt selbst begüterten Eltern schwere Lebenssorgen, wenn den Kindern eine in ihren Kreisen übliche Erziehung und Lebensstellung verschafft wird. Die Töchter haben einen Anspruch auf eine Mitgift, die dem Stande der Eltern angepaßt sein soll, da ihnen sonst leicht die ebenbürtige Heirat verwehrt bleiben kann. Die Ausbildung der Söhne verlangt einen Aufwand, der schon vor dem Kriege einem kleinen Vermögen gleich zu setzen war. Die gute alte Zeit unsrer Großeltern kam der Kinder-Zeugung entgegen. Sie lebten hauptsächlich in Dörfern oder Kleinstädten.

Auf dem Lande war die Aufzucht einer großen Kinderzahl leichter und eher möglich, da die Wohnungs-, Bekleidungs- und Nahrungskosten auf dem Lande bei starkem Familienzuwachs nicht so groß wie in der Stadt sind. Auch die Städter hatten bis zur Mitte des vorigen Jahrhunderts noch keinen so ausgeprägten Kapitalismus, der überragend das Erwerbsleben beherrschte. Die Unternehmer arbeiten heute mit immer größeren Geldmitteln, sodaß der geldarme Konkurrent ihnen gegenüber einen überaus schweren Stand hat und nur mühselig emporkommt.

An und für sich ist die Reduktion der Geburten eine naturnotwendige Erscheinung unseres Zeitalters. Deutschland hatte 1910 doppelt so viele Einwohner wie ein Menschenalter vorher und es hätte bei ungehemmter Fruchtbarkeit, welche der Geburtenquote der Jahre 1800-1840 entspricht, im Jahre 1950 über 100 Millionen Einwohner.

Die glänzende Bekämpfung der Krankheiten und der Sterblichkeit verlangt einen Einhalt der Geburtenerzeugung, wenn die alten Aderlässe der Menschheit, die ihre Zahl stets einschränkten, Kriege, Infektionskrankheiten und Hungersnöte in Fortfall kommen.

Die natürliche Fruchtbarkeit, die in wahnsinnigem Tempo sich vollziehen könnte, läßt schwer Platz und Brot genug finden für zu großen Nachwuchs. Die Beschaffung alles dessen, was wir besitzen und was uns das Leben angenehm macht: wohnliche Häuser, Einrichtungsgegenstände, Schmuck jeder Art, öffentliche Gebäude, Schulen, Badehäuser, Volksheime, ferner die Verbindungsmöglichkeiten, Eisenbahnen, Dampfschiffe, alle die Erfindungen des menschlichen Geistes, alle Vergnügungen, alle Werke, die der Kultur und der Zivilisation dienen, können nicht so rasch vermehrt werden, als eine stark wachsende Bevölkerung es verlangen würde.

Zwischen dem Zuviel und dem Zuwenig gähnt eine Kluft. Aber die kurze Zeit von 40 Jahren hat sie überbrückt.

Die Schattenseiten des Geburtenrückganges liegen nicht in dem Rückgang der Geburten an sich, sondern sie treten erst dort auf, wo anormale Sexualverhältnisse die Tendenz der Beschränkung bis aufs äußerste treiben. Die durch das Wirtschaftsleben unserer Zeit bedingte unsinnige Spätehe läßt Kinder zur Welt kommen, die körperlich und geistig minderwertig sind. Was die Liebe der Eltern durch die Beschränkung der Familie an den wenigen Kindern gutmacht und durch ihre aufopfernde Pflege nützen möchte, das erfährt eine unangenehme Einschränkung durch die zu späte Zeugung.

In meinem „sterilen Berlin” habe ich auf den internationalen Charakter des Geburtenrückgangs hingewiesen. Für die vereinigten Staaten ist selbst bei den akklimatisierten orthodoxen Juden eine überaus niedrige Geburtenrate festgestellt worden. Für die Westjuden zeigte sich dieselbe Erscheinung, z. B. in Kopenhagen, wo nicht einmal zwei jüdische Kinder auf eine jüdische Ehe kommen. Cordt Trap, der Direktor des statistischen Büros in Kopenhagen schloß:

„In richtiger Uebereinstimmung ist es, dass die Todesfälle bei den Israeliten die Zahl der Geburten bei weitem übertreffen. 1891-1905 wurden im ganzen 1.049 Todesfälle gegen nur 692 Geburten registriert.”

Auch Weißenberg und Fishberg, dieser in einem Buche über die Rassenmerkmale der Juden, jener im Archiv für Rassen und Gesellschaftsbiologie haben selbst bei den russischen Juden sichtliche Anzeichen einer Minderung der Empfängnis wahrgenommen. Wie weit im Osten der Neumalthusianismus Fortschritte machen wird, ist hier nicht zu erörtern. Wir können uns damit begnügen, die Geburtenentwicklung der deutschen Juden zu übersehen: Eine weitere Geburtenbeschränkung wird bei der Generation stattfinden, die heute im Gedanken und im Banne der überhand nehmenden Verhältnisse heranwächst. Die Verschärfung der kapitalistischen Zustände im Wirtschaftsleben des Mittelstandes und insbesondere die Schäden, die die Familienbildung durch den Krieg erfahren hat, wird sich in Ziffern kund tun, welche die numerische Erschütterung der deutschen Juden unfehlbar bedeutet.