Man hat erwartet, daß Deutschland durch einen frisch-fröhlichen Krieg bevölkerungsproblematisch „gebessert” würde. Auch die statistische Wissenschaft der Juden (Segall) hat noch im Dez. Heft 1915 ihrer Zeitschrift dem Gedanken Ausdruck verliehen: „Ob durch den Krieg eine andauernde Besserung bewirkt werden wird, wird die Zukunft lehren” (S. 106) und auf das Stahlbad der ehernen Zeit gehofft, das insbesondere auch auf dem Gebiet des Sexuallebens tief einschneidende Aenderungen auslösen sollte. Da aber der Wille der Massen von den ökonomischen Einflüssen abhängig ist, da die Erkenntnis vorteilhafteren Lebens und die Bannung dogmatisch-religiöser Vorstellungen gerade durch den Krieg eine starke Beeinflussung erfahren haben, wird die Hoffnung der „Optimisten” Schiffbruch erleiden. Deutschland und insbesondere seine Juden werden mehr denn je ihre Fruchtbarkeit beschränken, wenn auch die Geburtenhöhe des Jahres 1920, des ersten Friedensjahres, durch ein momentanes Anschwellen der Heiraten, besonders infolge der Zuwanderung ansteigen wird. Aber die Erschwerung der Kinderhaltung wird durch die bekannten neuen Verhältnisse erst recht potenziert. Allerdings ist die absolute Zahl der Juden Deutschlands durch eine starke Einwanderung gekräftigt. Das verzögert den Prozeß, gestaltet ihn aber nicht um. —

Wer Sinn und Verständnis für Statistik hat, der mag sich den Bevölkerungsaufbau der Juden Berlins vom Jahre 1910 ansehen. Ich hätte ihn gerne ausführlichst mit weiteren früheren Altersgliederungen gegeben, muß aber aus Raummangel hier, wie so oft, mich bescheiden.

Von 100 Juden in Berlin[27] waren alt:

1871188019001910
0-20 Jahre40,938,530,229
20-50 "47,048,452,350
50 und älter12,113,117,520

Nach einzelnen Altersklassen wurden ausgezählt Personen (1910):



davon betrafen die0-5Jahre5859
0-1Jahre11485-106238
1-2113610-156627
2-3115015-207791
3-4120420-258879
4-5122125-308588

30-35Jahre881461-65Jahre3041
35-40755266-702202
40-45686971-751391
45-50583776-80 721
50-55516081-85 352
55-60392486 undälter

Hier wie auch anderorts sind die Juden des reifen Alters in größerer Zahl vertreten als ihr Nachwuchs. Die aufrückenden jüngeren Jahrgänge sind nicht imstande, numerisch gleich stark an die Stelle der älteren Jahrgänge zu rücken. Die in den Jahren 1906-1910 in Berlin geborenen, insgesamt nicht ganz 6000 jüdischen Kinder werden in 2-3 Jahrzehnten aus sich heraus nur ca. 5000-5300 Erwachsene stellen, (bei günstiger Sterblichkeit). Damit ersetzen sie, oder sollen sie die heute 8588 25-30 Jährigen ersetzen! Und selbst mit den Jahrgängen jenseits der Fruchtbarkeitszeit, selbst mit diesen älteren Jahrgängen können sie sich nicht messen. Man kann mit viel Kunst Ziffern anzweifeln und den Wert der Statistik kritisieren. Hier zeigt sich schwarz auf weiß: die Fruchtbarkeit der Berliner Juden ist schon heute um große Teile zu gering. Exakte Berechnungen, die ich in der Preisschrift der Gesellschaft für Rassenhygiene anstellte, ergaben einen Nachwuchs, der weit mehr als 40% zu gering ist! Die Geburtenziffer von 1910-1914 ist noch stärker zurückgegangen. Eine Unterbilanz von etwa 50% war ihre Folge.

Der Altersaufbau gibt einen glänzenden Ueberblick über die Frage der Quantität des Nachwuchses. In der jüdischen Statistik ist diese treffliche Beobachtungsmethode leider unbeachtet geblieben. Einige Beispiele lehren die Uebereinstimmung des Prozesses an anderen jüdischen Centren.

Im Jahre 1905 gab es in Hamburg