| In Hamburg (nach Weigert) | in Wien | |||
| Taufen | Austritte | Eintritte | ||
| 1885-1890 | 281 | 1880 | 110 | 53 |
| 1890-1895 | 370 | 1890 | 302 | 60 |
| 1895-1900 | 381 | 1901/05 | 3104 | 500 |
| 1900-1905 | 404 | 1906/10 | 3073 | 766 |
| 1905-1910 | 363 | |||
| in Berlin | |
| Austritte | |
| 1873-1880 | 51 |
| 1881-1888 | 105 |
| 1889-1896 | 509 |
| 1897-1904 | 996 |
| 1905-1913 | 1324 |
| 1913-1919 | 1055 |
Für das Jahr 1903 hatte das Büro für Statistik d. J. eine Enquête für ganz Deutschland veranstaltet. Es wurden 20 Eintritte und 259 Austritte gemeldet, davon etwa 120 zum Protestantismus, während die „Mitteilungen” der evangelischen Landeskirche von 500 Uebertritten sprachen. Da viele Juden an Orten, wo man es sozusagen nicht wahrnimmt, aus dem Judentum verschwinden, kann letztere Ziffer richtig sein. Samter hat auch in Berlin höhere Taufziffern als Blau (Zeitschr. f. Statistik d. J. III. Jahrg. S. 149). Sie sind durchweg um das 2-3 fache so hoch als die Austrittsziffern, welche die jüdische Gemeinde gibt. Samter zitiert hierfür das städt. Jahrbuch der Stadt Berlin und das Allg. Kirchenblatt f. d. ev. Deutschland. Zusammen mit den Uebertritten zum Katholizismus und den Anschluß an die dissidentische Bewegung ist der Abfall vom Judentum (die Taufe etc. der Kinder jüdischer Ehen einbezogen) etwa um die Jahrhundertwende auf mindestens 1000 pro Jahr für Deutschland zu veranschlagen.
Die jüdischen Gemeindestatistiken ermitteln fast nur Täuflinge über 20 Jahre, 17-20 jährige betrafen nur wenige, kleine Kinder allein wurden ohne die Taufe der Eltern nie gemeldet, so daß die der Kinder allein statistisch nicht festgehalten wurde. Artur Kahn hat in dem Blatt der Großloge für Deutschland geschrieben, daß s. Z. ca. 15% aller jüdischen Kinder am evangelischen Religionsunterricht teilnahmen. In einzelnen Lehranstalten steigt der Prozentsatz bis über 30%. Natürlich ist die Erteilung des Religionsunterrichts nicht nur eine rein platonische Ehrenbezeugung vor dem Christentum. Die Konsequenzen aus dieser Vorliebe für die Heilswahrheit des Evangelismus ziehen die Eltern bei passender Gelegenheit, sonst hätte diese Uebung keinen Zweck. Ebenso bedeutsam ist die Tatsache, daß in dem Jahr 1897 von 11668 jüdischen Kindern 1245 ohne Religionsunterricht waren.
Die Absentierung vom jüdischen Unterricht bedeutet eine starke Abneigung gegen die jüdische Religion, die leicht zur vollständigen Aufgabe jeglicher Beziehungen zur Religionsgemeinschaft führt. Blau hat in Gross-Berlin (Zeitschr. f. Stat. d. J. Bd. 11 S. 12) von 36671 Kindern rein jüdischer Ehen 416 in nicht jüdischem Glauben ermittelt, darunter nur 24 konfessionslos und 3 als katholisch, 389 evangelisch. Diese Auszählung gibt einen gewissen Ueberblick über die Kindertaufe. Dora Weigert hat in einer eingehenden und trefflichen Arbeit für Hamburg nachgewiesen, daß von 100 ehelich geborenen jüdischen Kindern vom Jahre 1880-1910 1,6-3,6% getauft wurden, bei den unehelichen schwankt der Prozentsatz zwischen 10-18%, wir können also mit einer Taufe von Kindern rechnen, die für ganz Deutschland zwischen 1 und 2% aller geborenen liegt.
Nicht uninteressant ist es, der Berufstätigkeit der Täuflinge nachzuspüren. 1911 waren in Berlin unter den 148 Männern 45 Akademiker, also fast ein Drittel, was natürlich der Beteiligung dieser Berufe an der Bevölkerung nicht entspricht.
Gotthold Weil hat in der „Jüdischen Rundschau” einige der Motive bloßgelegt. „Die Sorge der Eltern um ihre Kinder, die Furcht, daß diesen später einmal durch die Zugehörigkeit zum Judentum viele Schwierigkeiten im öffentlichen Leben erwachsen könnten, bestimmte die meisten nur nach dem Erfolg strebenden Eltern durch einen rechtzeitigen Austritt aus dem Judentum ihren Kindern wenigstens die äußeren Hindernisse aus dem Wege zu räumen, die sie trotz großen Fleißes und starker Kämpfe für sich nicht zu beseitigen vermochten.”
G. Wolf bemerkte in seiner Abhandlung „Die Judentaufen in Oesterreich” (Wien 1863) „Aller Sorge und Qual des unsäglichen Jammers und Elends konnte man sich mit einem Schlage entledigen. Das Taufwasser wäscht jede Schmach und jeden Makel weg; er, der noch gestern gramgebeugt einherging, kann heute stolz das Haupt emporgehoben einhergehen, noch mehr, er wird mit Amt und Würden ausgezeichnet.”
Neuerdings ist zum Austritt der Reichen und der Akademiker noch eine Abfallbewegung der Proletarier gekommen. Eine genaue Untersuchung der Wiener und Berliner Statistik hat diese auf den ersten Augenblick befremdende Erscheinung sichergestellt.