Die Taufe der Wohlhabenden ist der Ausdruck ihres Strebens über das Erreichte noch emporzukommen. Auf das Butterbrot der Konversion bekommt man, wie Nordau einmal sagte, alles gestrichen, sie ist das Entreebillet zur besten Gesellschaft, sie ist noch heute die conditio sine qua non, für akademische Lehrstätten, kurz für Amt und Würde und Auszeichnung. Ueber das Weihbecken geht der aussichtsvolle und bequeme Weg zu den Quellen der Macht und dem sprudelnden Born der Wissenschaft. In Ländern, wo die politische Gleichberechtigung und Gleichstellung der Juden restlos auch im Unterbewußtsein des Volkes sich durchgesetzt hat, ist die Taufe eine unbekannte Erscheinung. Im Lande D'Israelis und Ricardos ist sie heute überflüssig geworden, in Vergessenheit geraten, ebenso wie im Reich der Luzatti und Ottolenghi. Solange die Juden den Deutschen minderwertig erscheinen, wird die Taufe anhalten, und viele, die nicht die Kraft oder das Lustvermögen aufbringen, das Los der Mißachteten zu teilen, aus ihrer Mitte entführen. Die Juden, die dem Judentum den Wert absprachen, sind Produkte dieser Konstellation. Rathenau, Samuel Lublinski, Benedictus Levita, Weininger, Fromer, Trebitzsch und andere handelten und schrieben unter dem Einfluß der politischen Lage.
Bleichröder meinte zu Bismarck (Zukunft 17. Jahrg. No. 32): Etwas sujet mixte muss auch der beste deutsche Jude bleiben, wie es schon in den Worten deutscher Jude liegt. Und es gibt nur drei Auswege aus dieser Doppelmischung: „Rückkehr nach Jerusalem oder wie es die meisten meiner Glaubensgenossen jetzt so halten, völlig Eins werden und Untergehen in dem germanischen Volkskörper.” Ein Königsberger Jude verstieg sich sogar zur Forderung der Zwangsmischehen, deren Kinder zu taufen seien (Grätz II 5. 263).
„Der moderne Jude ist in das Kulturleben der Wirtsvölker eingetreten (Fromer), nimmt an ihren Freuden und Leiden Anteil, und beansprucht gesellschaftliche und politische Gleichstellung. Er ist auf die Leiden nicht gefasst, hat keinen Trost, keine Linderung für diese Leiden und ist gegen die Auflösung, die er nicht will, durch nichts geschützt.”
Marcuse findet in seiner Apologetik der Mischehe (Sexualprobleme (1912)): „Die Auflösung ein Schicksal, das zugleich aufs innigste zu wünschen und wie jede auf ihren Gesetzen sich vollziehende Entwicklung unabwendbar. So kann die Mischehe nur, was zum Sterben reif ist, einem schnelleren und schöneren Tod zuführen und der jüdische Deutsche darf, wenn er klar erkennt, was ist und was werden muss, mit Friedrich Biach die Bezeichnung der Mischehe als eines Selbstmordes getrost anerkennen, aber als eines freien und freudigen Selbstmordes: Denn ich will nicht mehr das Selbst sein, das ich war, ich will dem herrlichen Volke angehören, in dessen Mitte ich geboren; stirb zur rechten Zeit: also lehrte Zarathustra, allzu lange haben wir gezaudert.”
Der deutsche Jude entlehnt einen Teil seiner Methodologie antisemitischer Lektüre. Chamberlain haben die meisten Juden gelesen. Der scharfe, kritische Geist erkennt am besten die Schwäche seines Volkes. Wie bei einem geschlagenen Heer, wenn die Kommando-Gewalt der Offiziere versagt, die Soldaten zu entweichen suchen, so drückt sich die Masse der Juden, die sich nur an ihren eigenen Interessen orientieren, denen das jüdische Joch zu schwer wird. Aus der Not wird eine Tugend. Die Aufgabe des eigenen Ichs zu einem kategorischen Imperativ — der Abschied vom Judentum zur befreienden Tat.
Letzten Endes ist dieser Vorgang nichts anderes als ein Versuch aus dem sich entwurzelnden Judentum mit einem kühnen Sprung ins andere Lager zu springen.
Kompliziert wird aber die Judenfrage durch neue Einflüsse. Die jüdische Gemeinschaft des XIX. Jahrhunderts galt allgemein als religiöse Korporation. Die vom Sozialismus erfassten Kreise des Proletariats und ihres Umkreises haben aus politischen und kulturellen Erwägungen heraus den Kampf gegen den Katholizismus als den Bundesgenossen des Centrums und gegen die evangelische Kirche als die Beschützerin der bestehenden Rechtsordnung und der konservativen Richtung angenommen. Die Feindschaft ging somit gegen die Religionen als die Horte der Reaktion, als Fundamente des Autoritätsglaubens, des Konservativismus, dem der Fortschritt, die materielle und rein ökonomische Auffassung der Lebensprobleme entgegenstanden. Aus diesem politischen Gegensatz resultiert die Verneinung der Existenzberechtigung der Konfessionen, die erbitterte Feindschaft der radikalen Parteien gegen die Kirchen und die Geistlichkeit. Die Abwehrstellung gegen die Religionen entspringt einer politischen Einstellung, die durch kulturelle Interessen gefördert wird. Auch im universellen Gedanken der Profeten stecken Ansätze, die zum Bund der allmenschlichen ethischen Gemeinschaft führen zum Ueber-Konfessionalismus, zu Formen der allgemeinen humanen Ethik, die in seiner vollen Tiefe Spinoza geahnt hat.
Der Jude mit seinem scharfsinnigen Geist und seiner ethisch prononcierten Ueberlegung hat am frühesten sich allen Bewegungen angeschlossen, die das geistige Ghetto, das die Völker umgab, durchbrechen sollten. Deshalb waren lange Zeit die Konfessionslosen meist jüdischer Rasse.
Ist die Taufe in gewissem Sinne eine Folge des Antisemitismus und ist die Taufe vor allem das Mittel des utilitaristisch denkenden Menschen, so ist der Austritt der Freidenker, Atheisten, Ueberkonfessionellen u. s. w. gerade das Stigma idealistisch gesinnter Personen, die in dem Abstreifen einer engherzigen Religionsgemeinschaft eine kulturelle Tat begangen zu haben glauben.