Solange das Judentum als rein religiöse Organisation fungiert, werden sich welche von ihm absondern, die keine religiösen Interessen oder nicht die jüdischen besitzen. Dabei wird die Erleichterung des Austritts ihre Zahl um das Heer derer vermehren, die aus den simpelsten finanziellen Erwägungen (die aber heute für jeden Haushalt von weittragendster Bedeutung sind) heraus den Augenblick begrüßen, einer der vielen Belastungen zu entgehen, mit denen man in Deutschland zur Stunde recht gesegnet ist.

Das Bekenntnis zum Judentum ist eine freiwillige Willensäußerung. Sie appelliert an die Ueberzeugung, an das Gefühl des einzelnen, aber es steht ihr kein Machtmittel zur Verfügung, ihre Mitglieder festzuhalten. Vorerst hat sie keine Möglichkeit, ihre Anhänger von ökonomischen, kulturellen, politischen und anderen Interessengebieten unabhängig zu machen. Wohl können sich einzelne persönlich in vielem freimachen, die Mehrzahl, die in Deutschland lebt, wird wohl ihren Anteil an den Lebensformen der Umwelt nehmen. Solange die Judengemeinschaft bestehen bleibt, dauert dann der Anreiz an, der Zwitterstellung zwischen Deutschen und Juden zu entsagen. Mögen in jüdischem Lager die Philosophen und Literaten, die Theologen und Politiker die Unterschiede in der Rassenpsyche und der letzten Mentalität der beiden Volksteile bestreiten, die Konkruluz des Deutschtums und des Judentums beweisen, das Unternehmen wird immer ein akademisches bleiben, so lange die tatsächlichen Kontraste, die Randspannungsgefühle der beiden Gemeinschaften nicht einen gewissen Ausgleich gefunden haben. Ob dieser letzten Endes bei den Menschen überhaupt und gerade den Deutschen möglich ist, ist nicht a priori abzusehen. Im Orient haben Jahrhunderte lang fremde Rassen nebeneinander gelebt, das alte römische Reich war vielerorts das Sammelbecken der verschiedensten Völker, in Indien sollen verschiedene Nationen friedlich nebeneinander hausen.

Vorerst hat die deutsche Judenheit in den letzten hundert Jahren ihren Zusammenhang mit dem nationalen Judentum gelöst und die religiösen Absonderungsgesetze und Sitten gelockert. An die feste Vorstellung von der Auserwähltheit des jüdischen Volkes, das in jedem Anhänger das unbedingteste Vertrauen an die Zukunft der eigenen Nation, die Hoffnung auf den Messias so fest verankerte, daß kein Zweifel möglich war, trat eine rationalistische ethische Vorstellung von Gott und der Welt, losgelöst von alter Form und ureigenstem Inhalt.

Der Nivellierung, Assimilierung und Entjudaisierung ist gerade dadurch, daß nunmehr das Judentum die festen nationalen und religiösen Umrisse verloren hat, die Arbeit der Auflösung leicht gemacht. Dass die deutschen Juden die Rückkehr zum nationalen und religiösen Judentum antreten werden, ist unwahrscheinlich. Wie wenig das neologe religiöse Judentum die Erhaltung bewerkstelligen konnte, belegt die Geschichte des ganzen XIX. Jahrhunderts. Ob dem nationalen Judentum, also einer Komponente des jüdischen Komplexes, die Kraft des ursprünglichen nationalen und religiösen Judentums inne wohnt, ist fraglich.

Nicht der Sieg über die neologen und religiös interessierten Juden, nicht die Erreichung neuer Gesetze wird ihre letzte Bedeutung belegen, sondern die Fähigkeit des Nationalismus, alle Juden zu erfassen und das Judentum zu binden, insbesondere das Sexualleben so zu regeln, dass Eros sie nicht außerhalb der Gemeinschaft hinausführt, ein Unterfangen, dem man nur mit größtem Skeptizismus gegenüber treten kann ...

Selig die, denen diese Gedankengänge überflüssig und zu schwarz erscheinen!


[KAPITEL XI.]
DIE MISCHEHE.

Religion und Inzucht waren die beiden eisernen Reifen, die das jüdische Volk fest umschlossen und als eine einzige feste Masse durch die Jahrtausende erhalten haben. Und wenn sie sich lockern? Was wird dann die Wirkung sein?