Professor Dr. Eduard Steiner, der Kenner des amerikanischen Judentums, befand: „Es ist zweifellos, dass das jüdische Volk in Amerika ernsterer Krisis entgegengeht als einst im babylonischen Exil. Das amerikanische Judentum geht einer Katastrophe entgegen. Der Auflösungsprozess wird nur durch den Zuzug von Juden aus Russland und Polen verzögert. Der Durchschnittsjude hat sich so weit amerikanisiert, dass er bereits vollständig seine Herkunft und Abstammung vergessen hat. Amerikanisierung und Assimilation sind nur zwei Seiten derselben Medaille, sind ein einheitlicher Prozess.”

Ruppin hat in klassischer Prägnanz die Inzucht der Juden gedeutet: „Ob die Juden von ihrem Eintritt in die Geschichte an eine einheitliche Rasse gebildet und diesen einheitlichen Charakter stets bewahrt haben, steht völlig dahin. Als sicher aber kann gelten, dass die Bekenner der mosaischen Religion gegen Ende des XVIII. Jahrhunderts nach vielen Jahrhunderten strengster Inzucht innerhalb eines relativ kleinen und räumlich beschränkten Kreises eine durch anthropologische Merkmale von ihrer christlichen Umgebung scharf unterschiedene Gemeinschaft bilden. Im XIX. Jahrhundert sind manche Angehörige dieser Rasse von der jüdischen Religion zur christlichen übergetreten, andere haben einen christlichen Ehegatten geheiratet und ihre Kinder dem Christentum zugewendet, sodass sich jetzt Angehörige der jüdischen Rasse auch unter den Anhängern der christlichen Religion befinden. Dem gegenüber sind die Fälle, in denen Christen (d. h. anthropologisch gesprochen Germanen, Slaven u. a.) durch Uebertritt zum Judentum oder auf dem Wege der geschlechtlichen Vermischung mit Juden zu Bekennern der mosaischen Religion geworden sind, so selten, dass man sie ohne erheblichen Fehler ganz vernachlässigen und auch heute noch alle Anhänger der mosaischen Religion als Anhänger der jüdischen Rasse bezeichnen kann.”

Die Inzucht gewährleistet das einzige objektiv jüdische Kennzeichen, erhält die körperliche Eigenart des Juden, während das Bekenntnis der jüdischen Religion oder zur Nationalität nur ein subjectives Merkmal, die momentane geistige Willensrichtung, die Empfindung der Zugehörigkeit darstellt.

Die jüdische Inzucht ist die letzte Komponente, die die Eigenart erhält. Daher sehen die Vorkämpfer der rein religiösen Gemeinschaft die Mischehe, selbst wenn der Partner die jüdische Religion annimmt, durchaus nicht gern. Die Aufhebung der Inzucht bedingt einen Verlust der Eigenart und heißt sich selbst aufgeben.

Für die Umwelt hat die Mischehe keine große Bedeutung. Es hat sich herausgestellt, das die Kinderzahl in jüdisch-christlichen Ehen das Zweikindersystem schon längst verlassen hat und zum Einkind übergegangen ist. (Ueber die Statistik u. dgl. siehe die verschiedenen Arbeiten M. Marcuses u. a. in den Sexualproblemen, 1911, und die 1. Auflage dieses Buches).

Die Entwicklung der Fruchtbarkeit in der Mischehe deutet darauf hin, daß auch hier rationalistische Einflüsse die Geburtenzahlen herabdrücken und wir es mit den allgemeinen Erscheinungen zu tun haben, denen wir allgemein bei der Erörterung des Geburtenproblems näher kamen. Die Anschauungen der Anthropologen, welche diese geringe Fruchtbarkeit auf die Rassenverschiedenheiten zurückführen, wie Lapouge, erscheint mir nicht mehr stichhaltig. Wohl aber mag ein seelischer Reiz oder vielmehr eine psychische Hemmung vorliegen, welche die Ehegatten den Nachwuchs noch weniger erwünscht sein läßt als bei rein jüdischen Ehen. Wegen der Verschiedenheit der Religion bringt die Geburt eines Kindes die unangenehme Frage und die Entscheidung mit sich, in welchem Glauben man es aufziehen soll. Die beste Lösung aller bevorstehenden Differenzen ist und bleibt die Geburtenverhinderung. Umsomehr, als insbesonders beim jüdischen Partner der Wille, den Namen und die Familie zu erhalten, von geringer Bedeutung ist. Vor allem aber sind die Ehegatten überaus moderne Menschen, die in ihrem Liebesleben der Allgemeinheit und der Umwelt keine Konzessionen zu machen wünschen und ihren Bund als die einfache Beziehung zwischen zwei Menschen ohne Berücksichtigung der Interessen der Verwandtschaft, der Rassen oder des Volkes, aufgefaßt wissen wollen. Da die Mischehe gerade in den assimiliertesten Kreisen stattfindet, ist die Unterfrüchtigkeit der Ausdruck der Gebär-un-Freudigkeit (sit venia verbo!) dieser Schichten.

Ich habe in meiner Untersuchung der Entwicklung der Berliner Juden den geringeren Anteil der ausländischen Juden an den Mischehen nachgewiesen. Während im Jahre 1909 der Anteil der Ausländer an jüdischen Eheschließungen 16,4% betrug, waren sie unter den Mischehen mit 10,8 vertreten. Ohne diese Einwanderung wäre der Mischehekoëffizient noch größer.

Bei der Mischehe wird ein hoher Prozent (12 vom 100 nach Dr. A. Kahn) wieder aufgelöst. Die Individualitäten, die in diesen Ehen praevalieren — im Gegensatz zu den Partnern der Konvenienzehe — scheinen rascher davon zurückzutreten, wenn sie ihren Zweck der Ehe d. i. ihr persönliches Glück nicht finden.

Sombart schrieb in der „Zukunft der Juden”: „Die Kinder, die den Mischehen entspringen, so wunderbar schön und so hochbegabt sie oft genug sind, scheinen doch des seelischen Gleichgewichts zu entbehren, das rassenreine Blutmischung gewährleistet. Wir finden unter ihnen gar zu häufig intellektuelle oder moralisch disäquilibrierte Menschen, die entweder sittlich verkommen oder mit Selbstmord oder in geistiger Umnachtung endigen. (Obwohl sich darüber zuverlässige Aussagen, die auf mehr als der persönlichen Erfahrung beruhen, beim heutigen Stand unseres Wissens Schlüsse nicht machen lassen).”