Anatole France empfiehlt jedem Schriftsteller, seinen Leser beileibe nicht zu überraschen oder gar zu erschrecken. Das Bestreben, ihn aufzuklären, würde der brave Leser nur mit dem Geschrei beantworten, man beschimpfe seinen Glauben. Und letztens versichert er, daß nur der Schriftsteller, der die bestehenden Gesellschaftsformen preist, sich allgemeiner Beliebtheit, in Sonderheit der besseren Kreise erfreuen wird.
Trotz der früheren Vorhaltungen, mit meinen Untersuchungen dem Judentum zu schaden, und unbeachtet der Vorstellungen, die Statistik und die Nationalökonomie absolut nicht zu beherrschen, habe ich mich entschlossen, dieses Buch in noch schärferer Fassung aufzulegen. Die Erniedrigungen und Enttäuschungen, die ich Jahre lang vor dem ersten Erscheinen mit Verlegern und jüdischen Organisationen erlebte, ließen mich in dem Vorwort der ersten Auflage den Kampf erahnen, der sich an das Erscheinen des Buches knüpfen würde. Leider hat dieser sich mehr an meine Person als an die Sache selbst gewandt. John Ruskin sagte ja bereits den Juden nach, daß sie alles, was sich gegen ihre Religion wende, als Aergernis (die Griechen als Torheit) empfänden. Ich fürchte nunmehr erst recht ein öffentliches Aergernis zu erregen. „Aber Aergernis hin — Aergernis her, es ärgere sich die ganze oder halbe Welt” meinte der Wittenberger und tröstete sich vermutlich mit einem Wort Eckhardts: „Wer diese Predigt verstanden hat, dem gönne ich es wohl; wenn sie aber auch niemand verstanden hätte, dann würde ich sie dem Opferstocke gehalten haben.” — —
Mir ist beim Niederschreiben nicht nur die Feder heiß geworden, und ich bin der Zeit dankbar, in der ich Problemen, die mich seit vielen Jahren bewegten, wissenschaftlich nachgehen konnte.
Wilmersdorf, im Jahre 1920.
Felix A. Theilhaber.
[KAPITEL I. EINFÜHRUNG.]
„Wir haben es noch nicht erlebt: folglich ist es unmöglich — ist kein logischer Schluss,” lehrt der Talmud. —
Edijoth M. II., 2.
Ordnung Neziqim