Der Orient gilt als die Wiege der Zivilisation. Wir kennen seine Geschichte, seine Religionen, seine schönen Künste und Wissenschaften. Und nur der Verfall der alten Staaten ist in ein mystisches Halbdunkel gehüllt. In dem Buche, „das sterile Berlin” glaubte ich den Untergang des Imperium Romanum auf bevölkerungspolitische Vorgänge zurückführen zu können. Die Erhaltung dagegen des einzigen Kulturvolkes des Altertums — nämlich der Juden — erscheint uns ebenso mit ihren sexualhygienischen Institutionen und Gewohnheiten verbunden zu sein. Gewiß bei vielen alten Völkern zeigen sich bereits Ansätze, dem Bevölkerungsproblem näher zu treten. Aber wie sahen diese auch aus! Solon begann sein Werk mit der Errichtung eines großen Bordells, für das im Auslande Sklavinnen gekauft wurden. Die neue Staatsanstalt, deren Hausordnung amtlich publiziert wurde, unterstand einer eigenen Gottheit, der Venus Pandemos. Und selbst Lykurg hat sein gepriesenes System, das „ein Volk von Kriegern” heranzüchten sollte, mit der Vernichtung aller anscheinend schwächlichen Kinder eingeleitet. Mit der Austilgung von bereits geborenen, lebenden menschlichen Wesen! „Ihr sollt mir sein ein Volk von Priestern”, betonte Moses dagegen. Diese Forderung knüpft an moralische Prinzipien an. Selbst die alten Geschichten, die in der Bibel vorkommen und in denen uralte sexuelle Erlebnisse nachklingen, werden solange retouchiert und überzeichnet, bis sie in das System der neuen sittlichen Weltordnung hineinpassen (Adam und Eva, Noah, Abraham usw.). Die Bibel hat nicht die reine Fantasie des Gilgameschepos und weiß nichts von der Tendenzlosigkeit farbenprächtiger homerischer Erzählungskunst. Das jüdische Schriftwerk hat keinen Selbstzweck. Es ist nicht Kunst und auch nicht Wissenschaft im eigentlichen Sinne. Alle Disziplinen sind Mittel geworden in der großen Aufgabe, das moralische Handeln des Individuums und des Volkes durch ethische Verankerungen zu lenken, klare sittliche Voraussetzungen für alles Denken und Trachten zu schaffen.
Diese neue Einstellung des jüdischen Volkes verleugnet nicht manche Abhängigkeit von früheren und gleichzeitigen Kulturwerten anderer Völker. Solche Übergänge finden sich auch in der Sexualsphäre.
Mir erscheint sogar die Beschneidung die Ablösung der Opferung von Kindern, wie sie die vorderasiatische Welt dem Moloch, dem Gott des Sadistentums, zollte, darzustellen. Viele Gebräuche können den Einfluß der Umwelt auf die Juden nicht verwischen. Nur natürlich. Bestand das jüdische Volk doch aus jungen, kaum geeinten Stämmen, die sich in einem kleinen Lande zwischen alten Kulturvölkern auf einem Terrain 1/100 so groß wie Deutschland niederließen, und auf viele technische, ökonomische und geistige Güter der Nachbarn angewiesen waren. Nach Dr. Fink schreibt auch der Talmud Synhedr. 63 es der Sinnenlust der Juden zu, daß sie sich den fremden Götzen zuwandten. Vor allem lockten die mystischen Opferfeste, die erotischen Exzesse, der Phallusdienst, das breit ausladende Hetärentum und die männlichen Hierodulen — alles Kult, der sich an den Dienst der Göttin Astarte knüpfte. Wankelmütige, prunkliebende, lüsterne Fürsten beherrschten damals das kleine jüdische Volk, das sich der immer wachsenden Bedrohung und Gefahren von außen und innen kaum erwehren konnte.
Da stipulierte eine kleine Zahl von Volksfreunden — die Propheten — die gesunde Fortpflanzung als sittliche Tat, als den kategorischen Imperativ des Judentums. Große neue Kulturbewegungen suchten die eigenartige Entwicklung im Keime zu ersticken. Nach dem Abklingen der vorderasiatischen und ägyptischen Kulturperiode ward im jüdischen Volk die großhellenistisch-römische Weltanschauung propagiert, nicht nur von den Reichen und Mächtigen der Welt, getragen nicht allein von den Waffen der allbeherrschenden Siebenhügelstadt und von den Handelsherren Asiens und Afrikas, sondern von jüdischen Priestern und von jüdischen Fürsten selbst. Gleichwohl bauten hunderte von geistigen Führern des Volkes die jüdische Sexualethik zu einem eigenen, festumrissenen, starren System aus, das einem überaus klaren Zweck dienen sollte, nämlich das Höchstmaß der menschlichen Fruchtbarkeit in den Dienst des Volkes zu stellen. Dieses rabbinische System ist wie aus einem eisernen Guß und nicht voll der Widersprüche wie z. B. das der alten Römer. Diese hatten neben der rechtmäßigen Ehe ein privilegiertes Konkubinat, hatten die allgemeine und religiöse Prostitution, die an die Luperkalien und Florealfeste zu Ehren der Gottheit anknüpfte. In diese Sittenwelt paßte kein Gesetz wie die berühmte „lex Julia et Poppaea” hinein, eine Verordnung, die übrigens in sich widerspruchsvoll und schon deshalb zur Wirkungslosigkeit verurteilt war. Die Juden hatten es gewissermaßen auch leichter. Ihre sexualhygienischen Theorien, die vielleicht stärkere Bande mit der „Staatsraison” verbinden als sich auf den ersten Blick vermuten läßt, hängen direkt mit den religiösen Ideen zusammen. Und diese Vorstellung von Gott und der Welt sind nun einmal viel differenziertere als bei den anderen Völkern des Altertums. Der Kampf um diese Weltanschauung erschüttert das Volk bereits, bevor ihr Staat der Auflösung verfällt. Und der Extrakt der Gedankenwelt aller geistigen Kräfte steht in Harmonie mit den Lehren der ersten babylonischen Gefangenschaft und den übrigen Erlebnissen. Nur die Fülle der Fruchtbarkeit wird das Volk erhalten. Und der gesunde Volksinstinkt schafft daraus ein System, das zwei Jahrtausenden stand gehalten hat. Seine Wurzeln fußen in unzähligen Ausführungs-Bestimmungen, in vielfältigen Spekulationen praktischer Lebensklugheit und Realität bejahender Vorkehrungen, die Sexos in den Dienst Gottes und des Volkes bis zur letzten Konsequenz stellen.
Die Geschichte des jüdischen Volkes, die wunderbare Erhaltung ihrer Existenz kann nicht ohne diese sexuellen Einrichtungen begriffen werden. Diese billige Erkenntnis wurde noch nicht klar von den Forschern ausgesprochen, wenn auch alle Wissenschaftler den einer starken Zeugung dienenden Sexualismus als einen der hervorstechendsten Züge des jüdischen Volkscharakters anerkannten.
„Mehr als allen anderen Völkern gilt den Juden männlicher Nachwuchs als ehrenvoll und Unfruchtbarkeit als Fluch. Schaff mir Kinder, wo nicht, so sterbe ich!” ruft die Allmutter Israels Rahel zu Jakob. „Rahels Lehre war allen Jüdinnen heilig,” urteilt Dr. Fritz Kahn (in seinem „Versehen der Schwangeren im Volksglauben”). Der Altmeister der Volkskunde Andree spricht „von der Erfahrung, die mit dem Eintreten des Juden in die Geschichte beginnt und eine größere Vermehrungskraft als bei den meisten anderen Völkern darstellt. Schon in Aegypten wuchsen die Kinder Israels, zeugten Kinder und mehrten sich und wurden ihrer so viele, daß ihrer das Land voll ward.”
„Seid fruchtbar und mehret Euch” lautet der lapidare Satz, der die Erotik in den Dienst der Allgemeinheit stellt und das Recht auf die freie Liebesbetätigung und den Verkehr der Geschlechter dem Zweck der generativen Politik unterordnet. Eros und Psyche, die das Liebesleben der Griechen versinnbildlichen, Astarte und Moloch, Merkmale des vorderasiatischen Sinnenkultes, haben in dem logisch aufgebauten jüdischen Sexualkodex keinen Raum. Mit Recht knüpfte Lothar Krupp an die Besprechung der ersten Auflage dieses Buches die Betrachtung an: „Die wenigen Buchstaben des „Peru-urebu” stellen ein Zauberwort von unvergleichlicher Gewalt und Stärke dar, als erste Anrede und erstes Gebot Gottes an das erste Menschenpaar unmittelbar nach dessen Erschaffung, sogleich am Eingang der heiligen Schrift stehend, wo es mit seiner Segenfülle Jahrtausende lang dem jüdischen Volke vorschwebte und groß und stark gemacht, es in Gefahr und Bedrängnis aufrecht erhalten, so daß man von ihm als dem ewigen Volke fast mit größerem Recht zu sprechen schien als von der ewigen Stadt ...”.
Poetisch verklärt ist diese Lehre[1] in den Psalmen: „Siehe ein Erbe von Gott sind Kinder, ein Lohn die Frucht des Leibes.” (Psalm 127), „Wie Pfeile in der Hand des Helden, so sind der Jugend Söhne. Heil dem Manne, der seinen Köcher mit ihnen angefüllt hat. Wenn Du deiner Hände Arbeit genießest, heil Dir und wohl Dir. Dein Weib ist wie die Rebe, blühend im Innersten Deines Hauses, Deine Kinder wie des Oelbaums Sprößlinge rings um Deinen Tisch. Siehe also wird der Mann gesegnet, der den Herrn fürchtet”. (Psalm 128).
Schammaj, der Zeitgenosse Jesus, eine Größe unter den Autoren des Talmud, betrachtet das Ehegebot als das erste der — 613 — jüdischen Gebote und findet es erst „erfüllt, wenn der Mensch zwei Knaben und zwei Mädchen das Leben gegeben hat.” Die Voraussetzung der Fruchtbarkeit scheint den Juden in der Ehe gegeben.