Wie [pg 24] Deutschland in der Welt überall auf Neider stieß, so fand auch der Jude in Deutschland überall mißgünstige Seelen. Wie beschränkt diese waren, geht schon daraus hervor, daß sie durch den Antisemitismus alle sozialen Fragen und Schäden zu lösen glaubten.

Die antisemitische Literatur ist zwar recht armselig, aber Deutschland hat das traurige Verdienst, diese „Wissenschaft“ in der Hauptsache geschaffen zu haben. Die anderen Länder, die sich vielfach viel länger und viel ungenierter in der Bedrückung ihrer lieben Juden überboten, bekamen leider von Deutschland neue Impulse. Die Pamphlete der Ahlwardts gingen in alle Welt und richteten außerhalb der schwarz-weiß-roten Grenzpfähle, besonders auch in Österreich, erschreckendes Unheil an. Noch vor kurzem hat der große Staat Rußland den Juden einen Ritualmordprozeß gemacht, nachdem vorher Österreich und Deutschland ihre Ritualmordhetze gehabt hatten. Noch schmachtet in österreichischen Kerkermauern ein wegen eines „Ritualmordes“, — wie alle Juristen beteuern, unschuldig — verurteilter armer Jude: Leopold Hilsner. Keine Lüge war den Antisemiten zu niedrig — man lese nur ihre Bücher — keiner ihrer Führer zu — bedenkenfrei. Meist waren sie recht dunkle Ehrenmänner. Aber das Gift, das sie verstreuten, trug dennoch eine reiche Saat. Ein Mann beteiligte sich dabei, dessen Schriften man nicht so ohne weiteres mit denen der anderen vergleichen darf: Houston Stewart Chamberlain. Chamberlain hat zwar neuerdings einiges Wasser in seinen Wein gegossen. Er hat erklärt, seine früheren Behauptungen gegenüber den deutschen Juden[5] nicht aufrecht zu erhalten. [pg 25] Chamberlain ist ein so maßloser Chauvinist, daß er selbst Christus als Germanen reklamieren zu müssen glaubte. Er, der noch vor kurzem allen Germanen, auch den Engländern, Lob sang, hat nun ein Pamphlet losgelassen, für das es kaum ein Wort der Entschuldigung gibt. Als geborener Engländer durfte er nie und nimmer in der Weise das Nest beschmutzen, dem er entstammte. Es gibt nichts Verächtlicheres, als wenn Renegaten dem Volke, dem sie entstammen, in solcher Weise seine Fehler vorhalten. Wenn sie, die die Schwächen am besten kennen, sie zusammenstellen, übertreiben und daraus ein Urteil fällen. Wenn wir nach der Methode Chamberlains dozieren wollten, müßten wir zu dem Schlusse kommen: Alle Engländer taugen nichts. Der Engländer ist so und so. Also ist auch Houston Stewart Chamberlain . . . So ähnlich wurde nämlich nach H. St. Chamberlain über den semitischen Geist, über den Juden im allgemeinen und im besonderen geurteilt, selbst wenn er — weit mehr als Chamberlain, der die deutsche Kultur erst seit einiger Zeit genossen hat — seit Jahrhunderten Anteil an allen Gütern deutschen Geisteslebens genommen hatte.

Nein, „der Jude“ in Deutschland war zum Teil tüchtig und fähig, zum Teil faul und indolent. Er war auf der einen Seite ein stiller Mann der Wissenschaft, der nach dem Muster des genialen Spinoza, Marx und vieler anderer, die ohne nach der Anerkennung der Öffentlichkeit zu lauern, in stillem Kämmerlein ihre Werke schufen.[6] Es gab aber auch Eintagsgrößen, die sich kaum von Charlatanen unterschieden. Maezene und Volksfreunde hat es unter den Juden gegeben, die ihr Vermögen dem Fortschritt hingaben, ohne daß es die Menge erfuhr. Keine ideale Bewegung existiert, die nicht [pg 26] an den Juden reiche Förderer hat: für Frauenrechte, für Kinderschutz, für die Waisen, Arbeitslosen, Blinden etc., die Bestrebungen für die Abstinenz, für Friedenspropaganda, für Vegetarismus, für alte Bühnenkünstler, für alle Künste, — der Jude hat seine Person, sein Ansehen und nicht zum mindesten sein Geld jederzeit guten und idealen Zwecken zur Verfügung gestellt.

Der Jude, der so sehr für jeden sozialen Fortschritt zu haben war, der auf Grund alter historischer Gewohnheiten für den Ruhetag in der Arbeitswoche, für das Angestelltenrecht etc. eintrat, der sich stets für Freiheit einsetzte, wurde den Massen als Ausbeuter schlimmster Sorte, als soziales Hemmnis hingestellt. Vergeblich sein Eintreten für alle demokratischen Ideale, für individuelle Freiheit, für internationale Verständigung. Wie der wirtschaftliche Neid nicht nur den Blick trübt, sondern fast blind macht, sehen wir jetzt ja an den Engländern. Diese Gewaltsmacht, die so oft ganz real die Verhältnisse beurteilte, schilt die Deutschen Barbaren, während sie ihr Heer zusammensetzt und sich verbündet mit Hunderttausenden von Negern, Indiern, Zuaven, Tscherkessen, Kosaken, Kalmücken und allen schiffbrüchigen Existenzen der neuen und alten Welt. Dieses für Geld geworbene Analphabetengesindel soll das Vorkämpfertum der Kultur sein! Die Engländer, die am längsten den Sklavenhandel geduldet, nein gezüchtet hatten, die in Südafrika die Burenfrauen mordeten, in Ägypten die Verträge brachen und die Indier verhungern ließen, sind mit Recht als Heuchler an den Pranger gestellt worden. Bei den Franzosen gelten alle Deutschen als Boches, als Verbrecher und als Schweine. . . . Dieser Weltkrieg, an dem 10 Millionen Juden beteiligt sind und schwere Opfer bringen, darf nicht vorübergehen, ohne daß das von Antisemiten getragene absprechende Urteil über sie in Acht und Bann getan wird. Ein Urteil, das ebenso unberechtigt ist wie das der Entente-Mächte über die Deutschen. [pg 27] Nicht nur, weil ein prächtiges Kaiserwort das gehässige Treiben der Rassen- und Religionsschnüffler für die Dauer des Krieges unterband, sondern weil Deutschland und die Welt einsehen muß, daß die Behauptung der Minderwertigkeit Andersgearteter allzuoft nur eine billige, überall gehandhabte Waffe des Neides ist.

Und so unterstreichen wir nochmals die Tatsache:

Daß der Jude am Gemeinwohl, am Fortschritt, an der Entwicklung Deutschlands freudig teilgenommen hat, kann kein objektiv denkender Mensch bestreiten. Ob er als Bürgermeister von Posen[7] oder als Stadtrat von Berlin[8] oder Frankfurt, oder im Ehrenamt, oder als Wähler einer Gemeinde seine Pflicht erfüllen konnte, — als der Abkömmling einer alten Kulturrasse interessierte ihn alles öffentliche Leben. Die Städte, in denen die Juden seit langem wohnen und eine gewichtige Stimme haben, sind nicht schlecht damit gefahren. Das reiche Frankfurt blüht, Nürnberg, Fürth entwickeln sich überaus rasch, Hamburg gedeiht.

Die neueste Wissenschaft hat den Juden mehr Gerechtigkeit widerfahren lassen. Sombarts Arbeiten zeigten die Bedeutung der Juden. Es ist ziemlich gleichgültig, ob die Juden Handel und Wandel in die Orte bringen, wohin sie kommen, oder ob sie ihn mit zur Blüte bringen. Jedenfalls ist dort Entwicklung, wo sie unbedrückt leben können.

Außerdem hat eine ziemlich starke Verschmelzung des Adels mit der deutsch-jüdischen Geldaristokratie, die übrigens auch ca. 100 geadelte Familien zählt, stattgefunden. Ebenso ist in den besten bürgerlichen Kreisen vielfach eine Vermischung eingetreten. Solchen Familien entstammte z. B. Dernburg, der bekannte Kolonialpolitiker, Heyse, der Schriftsteller, [pg 28] der Admiral Bendemann, andere führende Männer sind mit Jüdinnen verheiratet.[9]

Die Juden im Kriege.

Obwohl nachweislich viele jüdische Burschenschafter für das schwarz-rot-goldene Band gekämpft und gelitten hatten, obwohl in der Mitte des 19. Jahrhunderts einzelne jüdische Burschenschafter an der Spitze der Verbindungen standen, erklärte 50 Jahre später der Weidhofener Verband der deutsch-österreichischen Burschenschaften alle Juden insgesamt für jeder Ehre bar und verweigerte jedem Juden die Satisfaktion, also auch denen, die bis kurz vorher als alte Herren dem Verband angehört hatten. Dieselbe Überhebung, die ein anderer großer studentischer Verband zeigte, als er Naumann und andere höchst ehrenwerte deutsche Politiker wegen ‚sozialistischer‘ Tendenzen ausstieß, veranlaßte geistesverwandte junge Leute, die Juden in Bausch und Bogen zu verdammen. Semper aliquid haeret. Noch hinkt die Verleumdung, die Beschmutzung, die Verdächtigung uns nach. Auch dem jüdischen Soldaten.