Der Jude hat sich als Soldat bewährt. In allen Kämpfen der letzten Jahre haben sich Juden bewährt. Die Bulgaren und Türken haben sie im vorletzten Krieg vielfach gerühmt. Selbst im antisemitischen Rumänien ist ein jüdischer Oberst (Brociner), der sich im Krieg 1878 auszeichnete, der Kommandeur der Leibgarde und des Königl. Schlosses. In Österreich sind Juden kommandierende Generale, in Italien war [pg 29] der frühere Kriegsminister Ottolenghi Jude und schon Napoleon hatte jüdische Heerführer.

In den deutschen Freiheitskämpfen gab es viele freiwillige jüdische Vaterlandsverteidiger, einige erhielten auch den Offiziersrang. Auch später konnten Juden, hauptsächlich anno 1870, Offiziere werden; aktive Offiziere standen nur in Bayern, ungetaufte Juden waren hier hauptsächlich Reserveoffiziere und aktive Militärärzte, ein Jude brachte es einige Jahre vor dem Kriege bis zum Major.[10]

Im Kriege stellten sich nun erfreulicherweise viele Kommandeure auf den Standpunkt, den einmal der leider auf dem Felde gefallene Hauptmann von Treskow also präzisierte: „Wenn wir die Juden prinzipiell nicht befördern, dürften wir ihre Dienste auch nicht in Anspruch nehmen“. Nach Schätzungen werden jetzt über 900 Juden als Offiziere, ungerechnet die Militärärzte, im Felde stehen. Viele sind wegen besonderer Tüchtigkeit befördert worden, das „Hamburger Israel. Familienblatt“ stellte schon über 20 Träger des Eisernen Kreuzes I. Klasse fest (z. B. der Flieger Frankl, der Reichstagsabgeordnete Haas), darunter waren alle Waffengattungen vertreten. Auch bei der Marine und in den [pg 30] Schutztruppen haben sie sich ausgezeichnet. Nach dem Kriege werden die Ziffern insgesamt zur Verfügung stehen. Das in Breslau erscheinende „Jüdische Volksblatt“ hat die Namen veröffentlicht, die bestimmt dem Judentum angehören. Darnach haben bis zum Herbst 1915 knapp 5000 Juden (also fast 1% der gesamten deutschen Judenheit!) das Eiserne Kreuz erhalten, von über 3000 Juden konnte namentlich festgestellt werden, daß sie den Heldentod fürs Vaterland gefunden. Leider kann diese wöchentliche Zusammenstellung nicht den Anspruch auf Vollständigkeit erheben. Da die jüdische Jugend, soweit sie nicht gedient hatte, gleich zu Beginn des Feldzuges freiwillig in großer Zahl (— es wäre sehr interessant, wenn die Heeresverwaltung diese Ziffer veröffentlichen würde —) sich stellte, sind die Verluste sehr stark.[11] In allen jüdischen Jugendvereinen wird diese Tatsache festgestellt. So ist z. B. in der jüdischen Turnerschaft eine Kriegssterblichkeit, die sich in den einzelnen Untervereinen bis 33% der Mannschaften (wie z. B. bei dem Ruderklub ‚Ivria‘) stellt. Die meisten Turn- und Sportvereine der jüdischen Turnerschaft mußten zu Beginn des Krieges ihren Betrieb aufgeben, da alle Mitglieder zu den Fahnen eilten.

Die Mitglieder der jüdischen studentischen Verbindungen stellten gleichfalls viele Freiwillige. Von den 2000 Mitgliedern des K. C. (Kartellkonvent) und des K. J. V. (Kartell jüdischer Verbindungen) rückten fast alle aus; ein Drittel davon als Kriegsfreiwillige. Sehr zahlreich war auch die Beteiligung freiwilliger jüdischer Ärzte. Nach einer Statistik beträgt die Verlustliste bei den jüdischen Ärzten schon über Hundert. Auch der jüdische Arzt hat an der Front und im Seuchenlazarett seinen Posten ausgefüllt.

[pg 31]

Der tapfere jüdische Soldat und Offizier verschwindet oft in der Menge. So glaubte man z. B. allgemein nicht, daß der einzige Soldat, der bei meinem Regiment das Eiserne Kreuz I. Klasse im Jahre 1914 besaß, ein Jude war (der später als Leutnant gefallene Gottfried Sender, Lehrer an einer jüdischen Mittelschule, welcher es im Frieden knapp bis zum Gefreiten bringen konnte). Vielfach ist aber die Tüchtigkeit des jüdischen Vorgesetzten und Soldaten von hohen Offizieren anerkannt worden. Exempla docent. Die überaus große Zahl von Beförderungen, Dekorationen etc., über die sich jeder, namentlich z. B. im „Hamburger Israelitischen Familienblatt“ informieren kann, gibt die beste Gewähr. Der österreichische Thronfolger hat oftmals Gelegenheit genommen, sich dahin auszusprechen, daß der persönliche Mut und die Zuverlässigkeit des jüdischen Soldaten durch diesen Krieg aufs neue bewiesen wurden.[12]

Ebenso wie der sozialdemokratische wurde auch der jüdische Soldat endlich einmal von den Meisten vorurteilsfrei betrachtet und bewertet. Natürlich gibt es auch Fälle, [pg 32] wo sich Vorgesetzte noch nicht in den Gedanken der Gleichwertigkeit „solcher Elemente“ hineinleben konnten.

Die ungeheure sozialdemokratische Begeisterung ist nicht zuletzt das Produkt der so oft geschmähten „inter“-nationalen Denkweise jüdischer Führer, mit der man früher alles Unrecht gegen Juden deckte und erklärte. Die Führer haben ihren Patriotismus nicht nur durch billige Phrasen dokumentiert, sie sind nicht wie andere Sozialistenführer à la Vandervelde als Wanderredner durch die Lande gefahren, um die Menschen aufzuwiegeln, haben à la Hervé billige blutrünstige Artikel geschrieben oder sich als Leutnants, wie D'Annunzio, zu Hause wichtig gemacht. Der Jude Ludwig Frank[13], vielleicht der fähigste Kopf in der sozialdemokratischen Partei, trat als einfacher Soldat in Reih und Glied und fiel — wie er es wünschte — als ein einfaches, aber schönes Beispiel treuer Vaterlandsliebe.

Aber nun kam, was nicht kommen durfte. Man hat in vielen Zeitungen über den Mannheimer, über den Rechtsanwalt, über den Sozialdemokraten Frank geschrieben. Man hat bewiesen, daß ein Sozialdemokrat patriotisch sein könne. Daß er aber ein Jude war, diese Tatsache wurde nach Möglichkeit verschwiegen. — Nicht zum Beweis der Tapferkeit und der Vaterlandsliebe wollen wir Frank als Juden registrieren. Es liegt eigentlich eine unglaubliche Verworfenheit des Charakters vor, wenn jemand von einer kulturell so [pg 33] hochstehenden Rasse wie der jüdischen, von der Tausende im öffentlichen Leben wirken, welche alle Kulturstätten deutscher und anderer Bildung genossen haben, annehmen könnte, daß Mannesehre und Würde bei ihnen nicht zu finden wäre.

Daß man bei allen Nachrufen aber sichtlich vergessen wollte, zu erwähnen, daß der erste deutsche Volksführer, welcher mit seinem Tode die Treue zur Heimat und zum Staate besiegelte, ein Jude war, ist keine erfreuliche Erscheinung.[14] Ebensowenig wie die Tatsache, daß die Dichter [pg 34] des großen Krieges, die zuerst verwendet wurden und starben, Juden waren. Wir nennen nur Zuckermann, der das wundersame österreichische Reiterlied empfand, und Heymann, den jungen Königsberger Lyriker, sowie den Schlesier Georg Hecht. Man hat so oft über die billige Poesie, wie sie Literaten hinterm Schreibtisch gewinnsüchtig betreiben, gespottet. Zuckermann, Heymann, Georg Hecht. Ich kannte die glühende Begeisterung, die sie mit dem Leben zahlten.