Viele jüdische Soldaten bekamen auch das Georgskreuz. (Ich habe selbst verschiedene gesehen. Der Verf.) So war [pg 42] die Stimmung der Juden bei Kriegsausbruch. Aber wir dürfen nicht vergessen, daß im Polenland jüdisches Blut in starken Strömen fließt, und zum Unglück nicht nur von Feindeshand. Militärbehörden und Regierung brauchten Sündenböcke für ihre Mißerfolge. Man benutzt zu diesem Zweck die alte Firma, das ist der Jude. Kaum überschritt der Feind die Grenze, so verbreiteten sich Gerüchte, daß jüdisches Gold auf Aeroplanen, in Särgen und Eingeweiden von Gänsen zu den Deutschen floß. Die Legende wuchs, sie verbreitete sich dank der Agitation der Regierungsagenten und nahm schließlich ungeheure Dimensionen an. Den Juden gegenüber wurden unerhörte Maßnahmen angewendet und diese Maßnahmen, die vor den Augen der ganzen Bevölkerung vollzogen wurden, flößten derselben und der Armee das Gefühl ein, daß die Juden als schlimmste Feinde außerhalb des Gesetzes stehen. Zuerst wurden alle Juden aus Polen und Litauen ausgewiesen. Über eine Million Menschen mußte den Bettelstab ergreifen. Verwundete jüdische Soldaten mit dem Georgskreuz wurden in Viehwagen und wirklich wie Vieh mit einem Frachtschein abtransportiert. Jüdinnen, deren Männer, Kinder und Brüder ihr Blut fürs Vaterland vergossen haben, wurden überall verfolgt. Eine andere harte Maßnahme war das Geiselnehmen. Es handelt sich hier um einen unerhörten Fall in der Weltgeschichte. Man nahm als Geiseln Staatsangehörige des eigenen Landes. Anders als eine Schmach kann man das nicht nennen.“
Trotzdem Millionen nur Jiddisch verstehen, wurden in ganz Rußland die Korrespondenzen, Telefongespräche, Unterhaltungen auf der Straße in Jiddisch verboten und die Unglücklichen eingekerkert, die dagegen verstoßen mußten.
Rußland erklärt, daß des Zaren „liebe“ Juden Freunde der Deutschen sind, daß sie denen zu Liebe spionieren, ja sogar auf die russischen Truppen schießen. Gewiß bestehen [pg 43] vielfach Sympathien für die Deutschen auf Seiten der russischen Juden, weil viele Deutsche zwar auch Antisemiten, aber doch nicht so grausame Feinde der Juden sind wie die Russen. Aber zwischen einigen Sentiments und zwischen der Äußerung irgendwelcher staatsfeindlicher Gefühle ist doch noch ein sehr weiter Sprung. Selbst die, welche sich darüber klar sind, daß ihnen die deutsche Regierung wegen des geringeren antisemitischen Druckes lieber wäre, wagen sicherlich nicht die geringste Tat. Sie wissen, daß sie als Juden schon ohne allen Grund als Vaterlandsverräter gebrandmarkt sind, daß man ihnen über Schritt und Tritt nachforscht. Und sie hüten sich ängstlich vor jedem Verstoß. Wer die Psyche der Ostjuden kennt, weiß, daß es, abgesehen vom Hindu, keine friedlichere Bevölkerung gibt. In der strenggläubigen Bevölkerung sprechen dabei auch religiöse Auffassungen mit.
Was die russischen Juden den Deutschen so nahebringt, ist ihre Sprache und ihre Kultur. Wohin der deutsche Soldat in Rußland kommt, er nimmt sich immer den Juden vor, von dem er weiß, daß er Deutsch versteht, und daß er überhaupt nicht schwer von Begriff ist.
Die deutsche Regierung, die Militärverwaltung hat überall gerne jüdische Mitarbeit gesucht und gefunden. Andererseits haben gerade die jüdischen Gemeinden in weitgehendster Weise die Not unter den Juden gelindert, sogar im armen Osten haben die jüdischen Religionsverbände ihre Angehörigen gestützt, und dem Staate damit seine Aufgabe erleichtert.
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Die Lehren des Krieges.
Die Ergebnisse aus dem Kriege für das Verhältnis der deutschen Juden zum Reiche sind leicht zu ziehen. Wie im Frieden, so haben sich die Juden besonders in den schweren Zeiten der Stürme als gute Staatsbürger bewährt. Der Burgfriede hat es ermöglicht, daß die, welche durch lange Zeit als Soldaten II. Klasse und auch als mindere Staatsbürger behandelt worden waren, ihre Pflicht in vollem Maße taten und mehr als das. Wenn man die Zahl der jüdischen Kriegsfreiwilligen, die zum Heere strömten, zählen wird, dürfte mancher frühere Antisemit erstaunen. Soviel Liebe und Begeisterung für ein Vaterland, das seinen jüdischen Mitbürgern die Zeiten des Soldatenstands nicht zu den angenehmsten machte, kann nur bei einem Volke gefunden werden, das in seinem Kern ein loyales ist. Und die Juden waren und sind denn auch tatsächlich in England, in Frankreich, in Italien und Österreich, in den Vereinigten Staaten, in Holland etc. überall als ein unbedingt gut patriotisches Element bekannt.