Das Stockholmer Blatt „Sozialdemokraten“ konstatierte: Jeder russische General, der eine Niederlage erleidet, schiebt die Schuld einfach auf — die Juden in dem Gebiete, wo er ist. Die Juden wurden zu Zehntausenden ausgewiesen: auf lose Angebereien wurden sie erschossen und erhängt.

Und in Rußland? Die russischen Juden dürfen, das ist in Deutschland kaum bekannt, nur in den westlichen polnischen, litauischen und bessarabischen Provinzen Rußlands wohnen und auch hier nicht auf dem Lande, sondern nur in den Städten. Sie sind vom Ackerbau abgeschlossen, Bodenerwerb ist ihnen streng untersagt. Künstlich hat die russische Regierung alle modernen Bildungsbestrebungen verboten, alle freiheitlichen Regungen unterdrückt, die idealistische Jugend, die ihre Glaubensgenossen organisieren wollten, die für irgend einen Fortschritt kämpften, gefangen gesetzt. Tausende gerade der Fähigsten sind ausgewandert. Amerika nahm allein 2 Millionen dieser unfreiwilligen Emigranten auf. Was blieb, ist ein Torso. Die ständigen Judengesetze [pg 40] und Verordnungen treiben willkürlich die Juden in gewissen Städten zusammen. So hat das Jahr 1882 eine maßlose Überfüllung des Ansiedlungsrayons hervorgerufen. Das polnisch-jüdische Ghetto ist ein modernes Kunstprodukt, wofür die russische Regierung verantwortlich zeichnet. Mit Gewalt hält die Obrigkeit die jüdische Bevölkerung in Armut, hindert jede hygienische Regung und verbietet alle geistigen Bestrebungen. Es ist unmöglich, daß die Verhältnisse anders sind, als wir sie antreffen, und das antisemitisch absprechende Urteil berücksichtigt nicht, daß es sich um ein Volk handelt, das in allem geknebelt und entrechtet ist. Der Krieg, der sich im Westen Rußlands abspielt, hat naturgemäß die Juden am stärksten betroffen.

Hunderte jüdischer Gemeinden sind zertreten. Ich habe selbst viele in Polen sowie nördlich der Weichsel und besonders im Gouvernement Kowno, sowie in Kurland gesehen.

Über die Lage der Juden in Rußland informiert das Büchlein von Kurt Aram: Der Zar und seine Juden[19] („Das jüdische Elend in Warschau ist doch noch viel gräßlicher als alles andere, was ich sah.“) Und Dr. Claus schreibt im Russenheft der Süddeutschen Monatshefte: „Schon in Friedenszeiten war das Elend unter den Juden groß; wer einmal einen Einblick in die Ghetti Warschaus oder einer litauischen Stadt getan hat, wird das Bild des Grauens so leicht nicht los.“

Ich will nicht eingehend über all das Grauenhafte schreiben, was selbst die russische Zensur in ihren Blättern bringen ließ. Einwandsfreie nichtjüdische Abgeordnete haben in den denkwürdigen Dumatagen des August das tragische Geschick des jüdischen Volkes, das von der Regierung zu allen Zeiten als Blitzableiter dienen mußte, gekennzeichnet. [pg 41] Geben wir der „Guerre Sociale“, dem bundesgenössischen Blatt, darüber das Wort:

„Das österreichische wie das russische Polen ist von Polen und Juden bewohnt. Was hat man getan, um z. B. die Juden für die Sache der Verbündeten zu gewinnen? Hat man nicht vielmehr alles getan, sie en bloc in das Lager unserer Feinde zu treiben? Wenn alles das, was amerikanische Blätter über die den Juden seit Kriegsbeginn zuteil gewordene schmachvolle Behandlung mitteilen, wahr ist, wie kann Rußland dann für sie etwas anderes sein, als ein Land des Schreckens und der Schande, wo ihre verfolgte Rasse den Becher bis zur Neige geleert hat.“

Und nochmals die „Guerre Sociale“ (Gustav Hervé): „Mir kommt nicht zu, in diesem Augenblick, wo das befreundete und verbündete Rußland schmerzliche Stunden durchlebt, davon zu erzählen, wie es viel zu lange die Juden behandelt hat. Es hat sie aber behandelt, wie unsere Vorfahren sie im Mittelalter behandelt haben.“

Und schließen wir mit den mutigen Worten des jüdischen Dumadeputierten Friedmann, den keine Angst vor Einkerkerung oder vor Sibirien abhalten konnte, nach allen vorliegenden Zeitungen u. a. folgendes festzustellen:

„Die Zeitungen registrierten eine ungeheure Menge jüdischer Kriegsfreiwilliger. Diese Freiwilligen sollten ihrem Bildungsgrad nach Anspruch auf Offiziersrang haben, aber sie wußten ganz gut, daß sie als Juden den Offiziersrang nicht bekamen. Trotzdem zogen sie in den Krieg.

Zahlreiche jüdische Studenten kamen aus dem Ausland und gingen an die Front. Die Juden zuhause bauten Lazarette, spendeten viel Geld und brachten verhältnismäßig weit größere Opfer als andere Nationen.