In England lag die Entscheidung ausschließlich bei wenigen Nichtjuden. Bedeutende englische Juden hatten sich gerade in den letzten Jahren für eine gegenseitige Annäherung Deutschlands und Englands bemüht, weil sie instinktiv die Entfremdung der Länder bemerkten.[17] Als der [pg 37] Krieg begann, legten Sir Cassel und Sir Speyer ihre Würden nieder.
In Frankreich war das Kabinett wie in Rußland und Serbien „judenrein“. Die Juden an der Pariser Börse haben wahrlich keinen Krieg inszeniert. Als der Krieg aber ein fait accompli geworden war, haben einzelne frühere Deutsche resp. Elsässer in Frankreich und England aus der Angst für ihre Existenz unsympathische Kundgebungen erlassen. Ob sich darunter viele Juden befanden, weiß ich nicht. Ich konnte es nicht erfahren. Der berüchtigte Obermacher der Bethlehem Steel Company, Schwab in Amerika, welcher wohl der anrüchigste Typ des Renegaten ist, stammt von württembergischen Eltern, ist nicht, wie deutsche antisemitische Blätter verleumderisch behaupten, ein Jude. Er ist vielmehr der Nachkomme eines Pfarrers.
Wenn in einem Staate eine ziffernmäßig einflußreiche jüdische Volkschaft war, die sich für den Frieden hätte einsetzen können, so wäre es die Rußlands gewesen. An sieben Millionen Menschen, die aber in der Duma nur durch einen Abgeordneten vertreten sind. (Auf diese Juden werden wir noch später zu sprechen kommen.) Sie waren vollkommen machtlos.
Der Jude ist nicht, wie das alte, aber abgeschmackte Märlein der Antisemiten es will, der Brandzünder des Weltkrieges gewesen. Er war ein Freund des Friedens. Er würde als Kriegshetzer auch am allermeisten gegen sein Interesse handeln. Der Beamte wird im Krieg durch den Staat hinreichend ökonomisch geschützt, der Bauer findet nach dem Kriege immer seinen Grund und Boden wieder. Der Jude aber als Kaufmann hat durch die Unterbindung des Außenhandels enorm verloren. Bei einer großen Zahl der jüdischen Firmen ist mit einem Schlage der Lohn arbeitsvoller Jahre dahin gewesen. Und nach dem Kriege wird es auch für sie des größten Fleißes bedürfen, um nur annähernd [pg 38] das wieder zu erreichen, was man vorher an Wirtschaftsbeziehungen besaß.
Am meisten unter allen Völkern haben die Juden in Österreich gelitten. Die Besetzung Galiziens und der Bukowina stürzte 800000 Juden ins Unglück. Der ruthenische oder polnische Bauer wurde von der russischen Regierung mit aller Schonung behandelt. Gegen den Juden ist man jedoch mit aller Niedertracht verfahren, die man sich denken kann. Der Bauer hat sein Heim, seine Ernte, seinen Verdienst behalten. Der galizische Jude ist —, wenn er nicht gar nach Sibirien transportiert wurde, — zum armseligen Bettler geworden. Sein Haus, seine Ware, sein Geld vernichtet, er selbst brotlos und heimatlos. Man lese darüber das Buch Segels „Der Weltkrieg und das Schicksal des jüdischen Volkes“[18] — und man wird das Gruseln dabei lernen.
Eines der auch amtlich nachgewiesenen Ereignisse möchte ich hier zur Probe nach der Schilderung Benjamin Segels wiedergeben:
„Im 16. Jahrhundert pflegten sich die Kosaken im Kampfe gegen Polen eines von den Tataren entlehnten Kriegsmittels zu bedienen: wenn sie eine Festung stürmten, trieben sie mit Lanzenstichen und Gewehrfeuer Gefangene vor, die Säcke voll Erde auf den Schultern trugen und unter dem Kugelregen ihrer eigenen belagerten Landsleute die Laufgräben um die Festung ausfüllen mußten, wobei sie unter der Last begraben wurden. Diese unmenschliche Sitte ist aus dem Kriege zwischen zivilisierten Völkern verschwunden. Die Japaner haben nur oftmals gegen die russische Feldarmee Viehherden vorgetrieben, die das heftigste Feuer auffingen. Die Russen aber haben in Galizien aufs neue den Brauch eingeführt, Menschen, wehrlose Menschen zu diesem Zwecke zu gebrauchen. Nicht etwa Gefangene, sondern [pg 39] Nichtkämpfer, Greise, Frauen und Kinder. Vor Nadworna im Südosten Galiziens geschah das Furchtbare. Die Russen brachten eintausendfünfhundert jüdische Familien zusammen und trieben sie vor die österreichische Front, während sie selber hinterdrein vorrückten.
Die menschliche Sprache hat keine Worte, um das Grausame dieser Untat auch nur annähernd zu kennzeichnen.“ —
Bekannt sind die Befehle russischer Kommandanten, von denen ich z. B. den des Etappenkommandeurs von Krosna, vom 10. März, wiedergebe:
„Für jeden Fall, in dem die deutsche oder österreichische Regierung jemanden aus der nichtjüdischen Bevölkerung bestraft, sind die Juden verantwortlich. Zu diesem Zweck werden jüdische Geiseln mitgenommen und für jeden Nichtjuden wird man zwei Juden umbringen.“