Die Judenfrage Rußlands interessiert Deutschland aus vielen Gründen. Die sieben Millionen, die deutsch verstehen [pg 51] und sprechen, bildeten ein wertvolles wirtschaftliches Element, das gerne mit Deutschland Handelsbeziehungen unterhielt. Diese sieben Millionen sind die stärksten Gegner jedes Krieges mit Deutschland, das sie verehren. Wegen ihrer deutschen Sprache und ihrer deutschen Sympathien sind sie in grausamster Weise von Rußland bestraft worden. — Deutschland hat den Polen zu verstehen gegeben, daß es sich ihrer annehmen wird. Mit noch größerer Berechtigung aber können die Juden erwarten, daß Deutschland sie nicht vergißt, wenn die Frage der unterdrückten Nationen in den Friedensverhandlungen aufgeworfen wird.

Die Juden haben nie im politischen oder sprachlichen Kampfe mit den Deutschen gelegen (wie die Polen), seit Jahrhunderten sind sie zu einem Teile fest verwachsen mit der deutschen Erde. Die in Polen zurückgebliebenen Gemeinden sind bei der Teilung dieses Landes durch Zufall zu Rußland, Österreich oder Preußen gekommen. Die, welche russische Staatsbürger wurden, haben seit jener Zeit eine Geschichte des Leides und der Verfolgung erlebt, die ans finsterste Mittelalter erinnert. Leider wissen unsere deutschen Mitbürger wohl von „Greueln in Armenien“, wie sie die Engländer aus politischen Gründen aufbauschten, — die Regierungspolitik Rußlands jedoch, das sich so lange als der beste Freund Deutschlands gebärdete, wußte recht gut über allen ihren Schandtaten dichte Schleier auszubreiten.

Die deutsch sprechenden Juden Rußlands sind zum Teil Zionisten. Die Türkei hat an ihren zionistischen Bürgern in diesem Kriege eine gute Unterstützung gefunden. Deutschland kann sehr wohl, im eigenen Interesse wie in dem seines neuen Bundesgenossen, ein Entgegenkommen der Türkei für eine jüdische Besiedlung der verödeten Landstriche Palästinas befürworten.

Es kann keine Frage sein, daß sofort nach dem Friedensschluß eine Massenauswanderung der russischen [pg 52] Juden beginnen wird, welche die gesamte Völkerwanderung numerisch in den Schatten stellt. Diese Juden, denen man das Letzte genommen hat, die ein volles Jahr lang gequält und getrieben wurden, jeden Augenblick gewärtig, erschossen oder zum mindesten nach Sibirien geführt zu werden, warten nur auf die Möglichkeit, wieder frei zu atmen.

Soll Deutschland diese Emigration nicht zum eigenen Nutzen zu beeinflussen suchen? Soll der Strom der Auswanderer nach Amerika gehen?[23] Deutschland wünscht eine moderne Entwicklung der Türkei. Durch die Verluste, die der Krieg im eigenen Lande zeitigte, ist keine Emigration der eigenen Massen bevorstehend. Im Gegenteil.

Wenn die Erlösung der kleinen Völker einen Rückhalt an Deutschland finden darf, dann kann es die gequälte jüdische Masse des Ostens nur in zionistischem Sinne erlösen. Auf Rußland kann Deutschland nicht einwirken, wie es seine Untertanen regieren soll. Eine breite Öffnung der eigenen Grenzen liegt nicht im Wunsch der meisten eigenen Staatsbürger.

Will Deutschland das Bündnis mit der Türkei ökonomisch ausnützen, will es sich dort eine Masse sichern, die aus sprachlichen Motiven wie auch aus Dankbarkeit zu Deutschland neigt, dann wird es einer großzügigen zionistischen Emigration die Wege ebnen, wird „dem Lande ohne Volk das Volk ohne Land“ geben.

Professor Otto Warburg hat schon vor zehn Jahren darauf hingewiesen, daß die Besiedelung Mesopotamiens von [pg 53] ausschlaggebender Bedeutung für die wirtschaftliche Erschließung und Entwicklung Vorderasiens ist.[24]

Deutsches Kapital hat die großen Bahnbauten nach Bagdad ermöglicht. Wir sind alle daran interessiert, daß Deutschland daraus Nutzen zieht. Hier kann nur eine geeignete Einwanderung helfen, denn die ortsanwesende Bevölkerungsmenge ist nicht ausreichend.

Da schon Massen arbeitsloser Juden in Polen den Behörden zur Last fallen, so wäre es gut, wenn man sich, wie für die ostpreußischen Flüchtlinge, so auch für das jüdische Proletariat Galiziens und Polens interessierte. Sobald sich die türkische Regierung entschließt, einwandernden jüdischen Familien Land anzuweisen, wird auch von der jüdischen Seite das nötige Geld zur Überführung und Ansässigmachung aufgebracht werden. Es ist nur nötig, daß sich der neue Dreibund darüber klar ist, was er mit dem namenlosen Judenelend machen will, wie er den vom Krieg entwurzelten Massen hilft, ohne dabei selbst Menschen zu verlieren. Denn Menschen sind Geld, Männer sind im Kriegsfalle Gewehre. Nie hat man die Bedeutung der Ziffer so erfaßt, wie bei diesem Krieg.